2. Ästhetik der gebauten Stadt

Jenseits der umfangreichen Forschung zur Rolle von Grün- und Blauräumen gibt es auch deutliche Hinweise, dass die architektonische und städtebauliche Gestaltung des urbanen Raums selbst Auswirkungen auf Wohlbefinden und Gesundheit hat. Systematische Reviews und empirische Studien zeigen, dass Merkmale wie Fassadengliederung, Maßstäblichkeit, Einfassung und die Gestaltung von Erdgeschosszonen beeinflussen, wie sicher, angenehm und anregend Straßenräume wahrgenommen werden - und dass diese Wahrnehmungen wiederum mit psychischer Gesundheit, sozialer Interaktion und körperlicher Aktivität korrelieren (z.B. Barnett et al., 2017; Wang et al., 2025).

Besonders positiv wirken sich rhythmisch gegliederte und visuell „lesbare“ Fassaden, vielfältige Erdgeschosse und klar wahrnehmbare und einladende Eingänge aus, während monotone, flache Fronten und überdimensionierte Volumen häufiger mit negativen Affekten und Vermeidungsverhalten verbunden sind. Solche gestalterischen Qualitäten fördern – auch unabhängig von Begrünung – das Gehen, Verweilen und damit Bewegung und die erlebbare Qualität sozialer Beziehungen.

Straßenszene mit historischen Backsteinhäusern, Bäumen, Fußgänger*innen und Caféterrasse in einer ruhigen, grünen Wohnstraße.
Straßenszene mit historischen Backsteinhäusern, Bäumen, Fußgänger*innen und Caféterrasse in einer ruhigen, grünen Wohnstraße. Quelle: KI-generiert durch GPT-5.

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Das Bild hat ChatGPT 5 generiert zur Veranschaulichung einer gesundheitsförderlichen Stadtszene, „gefüttert“ mit den hier beschriebenen Forschungsergebnissen. Gar nicht schlecht. Man muss bei solcher Forschung aber Vorsicht walten lassen und sollte keine vor-schnellen Ableitungen über vermeintlich universale Architekturpräferenzen ableiten.

Wissenschaftler*innen kommen überwiegend aus wohlhabenden und progressiv orientierten sozialen Milieus und laufen Gefahr, in ihrer Arbeit unbewusst die eigenen ästhetischen Vorstellungen zu reproduzieren (vgl. Lektion 7.3). Es ist zudem gut dokumentiert, dass die psychologische Forschung von den westlichen Industrieländern dominiert wird und viele Ergebnisse (auch zur visuellen Wahrnehmung) eher kulturelle Besonderheiten dieser Länder widerspiegeln und nicht so sehr vermeintlich allgemeine Naturgesetze (Henrich et al., 2010).

Menschliche Kultur ist vielfältig, weswegen der WBGU in seinem normativen Kompass (vgl. Lektion 2.2) auch die „Eigenart“ der Städte als Dimension urbaner Nachhaltigkeit betont. Nichtsdestotrotz zeigen die Forschungsergebnisse, dass gute Stadtgestaltung neben ihren künstlerischen Qualitäten auch eine Frage der Gesundheit ist: Sie kann Stress reduzieren, Bewegung fördern und emotionale Bindung an den Ort stärken.