Biophilie und Ästhetik der gebauten Stadt

Website: OnCourse Universität Bremen
Kurs: Nachhaltige Städte
Buch: Biophilie und Ästhetik der gebauten Stadt
Gedruckt von: Gast
Datum: Sonntag, 24. Mai 2026, 08:00

1. Biophilie

Rückblick

Erinnerst Du Dich an die Vision einer Stadt auf dem Mars, die wir in Kapitel 2 als extremes Beispiel für nachhaltigen Städtebau kennen gelernt haben? Innerhalb der kuppelartigen Strukturen waren dort Parklandschaften mit kleinen Seen geplant. Die Renaturierung des Städtebaus mit so genannten Grün- und Blauräumen ist uns auch in Kapitel 4 als Klimaanpassungsmaßnahme unter dem Stichwort Schwammstadt begegnet.

All dies ist keine Mode unter Stadtplaner*innen und hat auch nicht nur technische Gründe wie Verschattung und Versickerung, sondern gründet auf umfangreiche Forschung, die zeigt, dass derartig gestaltete Umwelten gut sind für menschliches Wohlbefinden und Gesundheit. Sie wirken als Puffer gegen viele der in Lektion 8.2 aufgezählten psychologischen Stressoren des urbanen Lebens.

Vielleicht zeigt sich in diesen Präferenzen für eine relativ natürliche Umwelt in der Stadt unser evolutionäres Erbe in dem Sinne, dass Psychologie und Physiologie des Menschen gut angepasst sind an die ursprüngliche biologische Umwelt unserer Spezies? Der WBGU (2023) fasst jedenfalls die vorliegenden empirischen Erkenntnisse zur Biophilie von Stadtbewohner*innen zusammen. Sie sind schematisch in der folgenden Grafik dargestellt.

Parkszene mit Hinweisen auf Gesundheitsvorteile von Grünflächen wie bessere mentale Gesundheit und mehr Aktivität.
Parkszene mit Hinweisen auf Gesundheitsvorteile von Grünflächen wie bessere mentale Gesundheit und mehr Aktivität. Quelle: WBGU (2023, S. 154, Abb. 4.3-11), deutsche Übersetzung einer Grafik aus European Environment Agency (2020). © EEA. Nicht-offizielle Übersetzung.

2. Ästhetik der gebauten Stadt

Jenseits der umfangreichen Forschung zur Rolle von Grün- und Blauräumen gibt es auch deutliche Hinweise, dass die architektonische und städtebauliche Gestaltung des urbanen Raums selbst Auswirkungen auf Wohlbefinden und Gesundheit hat. Systematische Reviews und empirische Studien zeigen, dass Merkmale wie Fassadengliederung, Maßstäblichkeit, Einfassung und die Gestaltung von Erdgeschosszonen beeinflussen, wie sicher, angenehm und anregend Straßenräume wahrgenommen werden - und dass diese Wahrnehmungen wiederum mit psychischer Gesundheit, sozialer Interaktion und körperlicher Aktivität korrelieren (z.B. Barnett et al., 2017; Wang et al., 2025).

Besonders positiv wirken sich rhythmisch gegliederte und visuell „lesbare“ Fassaden, vielfältige Erdgeschosse und klar wahrnehmbare und einladende Eingänge aus, während monotone, flache Fronten und überdimensionierte Volumen häufiger mit negativen Affekten und Vermeidungsverhalten verbunden sind. Solche gestalterischen Qualitäten fördern – auch unabhängig von Begrünung – das Gehen, Verweilen und damit Bewegung und die erlebbare Qualität sozialer Beziehungen.

Straßenszene mit historischen Backsteinhäusern, Bäumen, Fußgänger*innen und Caféterrasse in einer ruhigen, grünen Wohnstraße.
Straßenszene mit historischen Backsteinhäusern, Bäumen, Fußgänger*innen und Caféterrasse in einer ruhigen, grünen Wohnstraße. Quelle: KI-generiert durch GPT-5.

Zum Bild

Das Bild hat ChatGPT 5 generiert zur Veranschaulichung einer gesundheitsförderlichen Stadtszene, „gefüttert“ mit den hier beschriebenen Forschungsergebnissen. Gar nicht schlecht. Man muss bei solcher Forschung aber Vorsicht walten lassen und sollte keine vor-schnellen Ableitungen über vermeintlich universale Architekturpräferenzen ableiten.

Wissenschaftler*innen kommen überwiegend aus wohlhabenden und progressiv orientierten sozialen Milieus und laufen Gefahr, in ihrer Arbeit unbewusst die eigenen ästhetischen Vorstellungen zu reproduzieren (vgl. Lektion 7.3). Es ist zudem gut dokumentiert, dass die psychologische Forschung von den westlichen Industrieländern dominiert wird und viele Ergebnisse (auch zur visuellen Wahrnehmung) eher kulturelle Besonderheiten dieser Länder widerspiegeln und nicht so sehr vermeintlich allgemeine Naturgesetze (Henrich et al., 2010).

Menschliche Kultur ist vielfältig, weswegen der WBGU in seinem normativen Kompass (vgl. Lektion 2.2) auch die „Eigenart“ der Städte als Dimension urbaner Nachhaltigkeit betont. Nichtsdestotrotz zeigen die Forschungsergebnisse, dass gute Stadtgestaltung neben ihren künstlerischen Qualitäten auch eine Frage der Gesundheit ist: Sie kann Stress reduzieren, Bewegung fördern und emotionale Bindung an den Ort stärken.