Kurs: Grundlagen und Perspektiven der Energiewende | OnCourse UB

  • Lektion 3

    • Die Industrialisierung und ihre Folgen erzeugen ein neues Bewusstsein für Nachhaltigkeit

      Die Industrialisierung

      Die Industrialisierung begann im 18. Jahrhundert in England und hat seitdem einen Großteil der bewohnten Regionen der Erde erfasst. Sie hatte umfangreiche Folgen für Menschheit und Umwelt. Durch zahlreiche technische Entwicklungen, u.a. der Erfindung der Dampfmaschine, wurde es zum einen möglich wirtschaftliche Prozesse in erheblich größeren Maßstäben durchzuführen und zum anderen wurde völlig neue Produkte und Techniken entwickelt, die das Leben der Menschen grundlegend veränderten. Arbeitsschritte die vorher in Handarbeit durchgeführt wurden, wurden von Maschinen erledigt, die deutlich produktiver waren. Für den Bau und den Betrieb der Maschinen wurden von Ressourcen wie Eisenerz und Kohle viel größere Mengen benötigt als in vorindustrieller Zeit. Gleichzeitig wurde durch den Einsatz von Maschinen der Abbau von Ressourcen in viel größeren Maßstäben möglich.

      Die mit der Industrialisierung einhergehenden Veränderungen waren so gravierend, dass man sie auch als industrielle Revolution bezeichnete. Mittlerweile wird häufig von drei oder vier industriellen Revolutionen gesprochen, die jeweils durch neue technische Meilensteine gekennzeichnet sind.

      Für die erste industrielle Revolution (Ende 18. Jh. bis Mitte 19. Jh.) war vor allem die Entwicklung der Textilindustrie, die Eisenbahn und die Nutzung von Kohle und Eisen charakteristisch. Die Förderung von Kohle explodierte in dieser Zeit in den entsprechenden Ländern. Hier als Beispiel Großbritannien:

      Die zweite industrielle Revolution (bis ca. 1920) war insbesondere durch die sich ausbreitende Nutzung von Elektrizität, die zunehmende Nutzung von Stahl und die Entwicklung des Automobils geprägt.

      Die dritte industrielle Revolution begann in der 1940er Jahren mit der Erfindung von Computern und Techniken zur Automatisierung. Während bei den ersten beiden industriellen Revolutionen vor allem der Bedarf an Kohle und Eisen stieg, stieg in der Folge der dritten Revolution auch der Bedarf an anderen Ressourcen drastisch. Beispielsweise nahm der Bedarf an verschiedenen Metallen (vgl. Yang et al., 2021) drastisch zu. 

      Auch andere Ressourcen wie Öl und Gas wurden im Laufe der Zeit immer bedeutsamer.

       
      Bevölkerungswachstum und Ressourcenbedarf

      In der Zeit der Industrialisierung verbesserten sich nicht nur die Möglichkeiten Rohstoffe zu fördern, Güter herzustellen und zu transportieren, sondern es wurden auch Techniken entwickelt, die eine produktivere und stabilere Versorgung mit Nahrungsmitteln ermöglichten. Im 19. und 20. Jahrhundert gab es parallel große Fortschritte in der Medizin, die dazu beitrugen, dass die Heilung und Prävention von Krankheiten verbessert wurden. Beide Faktoren führten zu einem drastischen Bevölkerungswachstum (vgl. https://www.britannica.com/topic/modernization/Modern-society-and-world-society). Zwischen dem 17. Jahrhundert, mit etwas über 400 Millionen Menschen, und dem Jahr 2000, mit über 6 Milliarden Menschen, hat sich die Zahl der Menschen auf der Welt verfünfzehnfacht.

      Bevölkerungsentwicklung seit 10.000 v.Chr. bis 2007


      Grafik "Bevoelkerungsexplosion.gif" von E.T. auf WIKI.SAH, Lizenz: CC-BY-NC-SA 3.0

      Diese Entwicklung führt dazu, dass nicht nur mehr Ressourcen durch technischen Fortschritt erschlossen werden konnten, sondern auch deutlich mehr für die Versorgung der Menschen benötigt wurden. Gerade die Ressource Boden musste viel stärker erschlossen werden, um Siedlungsraum für Menschen zu schaffen und sie mit Nahrungsmitteln versorgen zu können. Dies gilt bis heute.

    • Umweltveränderungen und Ressourcenknappheit als Folge der Industrialisierung

      Durch das Wachstum der globalen Bevölkerung, die Nutzung von verschiedensten Ressourcen und die Möglichkeiten des technischen Fortschritts kam es zu drastischen Veränderungen für die Umwelt. Wälder wurden so stark abgeholzt, dass es in Europa nur noch kleinste Flächen ursprünglicher Wälder gibt, Flüsse wurden begradigt, ganze Landschaften abgetragen, etc. Begleitet wurden diese Aktivitäten durch die Freisetzung von giftigen Chemikalien (z.B. Gerbmittel aus Gerbereien, freigesetzte Säuren durch den Bergbau, Staub und Ruß bei Verbrennungen), die sich schädlich auf Umwelt und Menschen auswirkten. 

      Durch die verbesserten Möglichkeiten Rohstoffe zu transportieren, beschränkten sich die Veränderungen nicht nur auf Länder, in denen die Industrialisierung stattfand, auch Regionen mit geringer Bevölkerungszahl waren betroffen. Kurzum, bereits Mitte des 20. Jahrhunderts war die Welt so stark verändert, dass zahlreiche Menschen anfingen diese Entwicklungen kritisch zu begleiten. 

      Neben den Umweltveränderungen wurde ein weiteres Problem sichtbar, dass wir schon aus vorindustrieller Zeit am Beispiel der Ressource Holz auf regionaler Ebene kennengelernt haben: Ressourcen wurden als begrenzt erkannt. Viele Ressourcen sind ohnehin auf der Welt ungleich verteilt und müssen gehandelt werden. Maßgebend für die Ausbeutung von Ressourcen waren wirtschaftliche Aspekte. Der Gedanken der Nachhaltigkeit von Carlowitz (siehe Lektion 2), fand allenfalls lokal in der Forstwirtschaft Anwendung. Aber nach mehr als einem Jahrhundert intensivster und stetig zunehmender Förderung von Mineralien, Kohle und Öl und einer sich immer weiter ausbreitenden Zivilisation wurde klar, dass diese Ressourcen nicht unbegrenzt verfügbar sind. Auch diese Folge des Fortschritts wurde von vielen Menschen kritisch betrachtet und führte zu ersten Warnungen.

      Umweltveränderungen und Ressourcenknappheit wurde in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zunehmend kritisch diskutiert. Einer der meistbeachteten Beiträge zu diesem Thema war die Publikation "The Limits to Growth. A Report for the Club of Rome’s Project on the Predicament of Mankind" (Meadows et al., 1972) zu Deutsch "Die Grenzen des Wachstums. Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit", die 1972 erschien. 

      Club of Rome

      Der 1986 gegründete Club of Rome ist ein Zusammenschluss verschiedener Experten aus mehr als 30 Ländern und unterschiedlichen Disziplinen. Die gemeinnützige Organisation setzt sich für eine nachhaltige Entwicklung ein. Die 1972 veröffentlichten Studie "Die Grenzen des Wachstums" erhielt große Aufmerksamkeit, da sie den Nachweis brachte, dass das individuelle Handeln aller Menschen globale Auswirkungen hat und das über eine sehr lange Zeit. 

      Der Club of Rome bringt seit dem regelmäßig Berichte zur globalen nachhaltigen Entwicklung heraus.

      Weitere Informationen unter: www.clubofrome.org 

      Der Begriff Nachhaltigkeit wurde hierbei gegenüber den Aspekten, die Hans Carl von Carlowitz für die Bewirtschaftung von Wäldern bewegt hatten, erweitert:

      Endlichkeit aller Ressourcen

      Es ging nicht mehr nur darum zu verhindern, dass ein einzelnes natürliches System nicht übernutzt werden sollte, sondern darum, die gesamte Erde so zu erhalten, dass kommende Generationen ähnliche Möglichkeiten zum Leben und wirtschaften vorfinden. Hierbei spielt auch der Aspekt eine Rolle, dass die meisten entnommenen Ressourcen im Unterschied zu Holz nicht nachwachsen und wenn sie verbraucht werden nachkommenden Generationen nicht mehr zu Verfügung stehen. 

      Dies wurde unter anderem für die Ressourcen Boden und Öl immer deutlicher. Für bestimmte Ressourcen wurden auch zu frühen Zeiten schon Regeln zur Schonung erlassen. Beispielsweise wurden bereits in den 1930er Jahren in manchen Regionen für Fischbestände Fangquoten eingeführt, die auf einem sogenannten "maximal sustainable yield" (Maunder, 2008), also maximal nachhaltigem Ertrag, beruhten. Solche Regeln waren aber, auf die Gesamtheit aller Ressourcen bezogen, die Ausnahme. 

      Der Bericht des Club of Rome prognostizierte basierend auf Simulationen, dass bei gleichbleibenden Wachstum von Wirtschaft und Bevölkerung spätestens bis zum Jahr 2100 die Grenzen dieser Entwicklung erreicht wären und es danach zu einem Schrumpfen von Bevölkerung und Wirtschaft kommen würde. Der Bericht regte deshalb eine nachhaltige Entwicklung (original: sustainable development) an, um diese Szenarien zu vermeiden.