Politische und gesellschaftliche Handlungsoptionen
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3. Demokratisieren: digitale Souveränität, Vergesellschaftung, Commons
Die entscheidende Frage für eine konstruktive KI-Zukunft lautet nicht: Wie bekommen wir möglichst viel KI möglichst schnell in alle gesellschaftlichen Bereiche? Sondern: Welche digitalen Infrastrukturen brauchen wir überhaupt, wer kontrolliert sie, wem dienen sie, und wo müssen wir Technik bewusst begrenzen?
KI erscheint dann nicht länger als neutrale Innovationsmaschine, sondern als Teil einer gesellschaftlichen Infrastruktur, die privat-monopolistisch, demokratisch-öffentlich, genossenschaftlich oder commons-basiert organisiert werden kann. Damit verschiebt sich der Fokus von der bloßen Leistungsfähigkeit technischer Systeme hin zu Fragen von Eigentum, Kontrolle, Teilhabe, ökologischen Grenzen und gesellschaftlichem Zweck.
Cecilia Rikaps Arbeiten sind für diese Perspektive besonders wichtig, weil sie Big Tech nicht nur als Marktproblem beschreibt. Es geht nicht bloß darum, dass einige Unternehmen zu groß geworden sind oder dass Wettbewerbspolitik nachjustiert werden müsste. Rikap analysiert Big Tech als eine Form von intellektuellem Monopolkapitalismus: Unternehmen wie Amazon, Microsoft und Google kontrollieren nicht nur Plattformen, sondern zunehmend die Bedingungen, unter denen Wissen produziert, gespeichert, verarbeitet und ökonomisch verwertet wird (Rikap, 2025). Besonders die Cloud ist dabei zentral. Wer heute KI-Modelle trainieren, Daten analysieren, Software entwickeln oder digitale Dienste skalieren will, landet häufig in den Infrastrukturen genau dieser Konzerne. Rikap spricht deshalb von einer quasi-souveränen Stellung der Cloud-Giganten: Sie stellen nicht einfach Werkzeuge bereit, sondern setzen technische, ökonomische und organisatorische Regeln, von denen andere Unternehmen, Forschungseinrichtungen, Verwaltungen und sogar Staaten abhängig werden. Ihre Macht besteht also nicht nur im Besitz von Daten, sondern in der Kontrolle über Rechenkapazität, Schnittstellen, Entwicklerumgebungen, KI-Modelle und Plattformökosysteme.
Digitale Souveränität darf nicht nationalistisch missverstanden werden. Es geht nicht darum, „eigene“ europäische Big-Tech-Konzerne aufzubauen, die dann dieselbe Logik von Extraktion, Skalierung und Abhängigkeit reproduzieren. Rikap argumentiert vielmehr für eine demokratische und ökologische digitale Souveränität: Gesellschaften müssen über jene digitalen Infrastrukturen verfügen können, die für Selbstregierung, öffentliche Dienste, Wissen, Kommunikation und wirtschaftliche Koordination notwendig sind (Rikap, 2025). Entscheidend ist der Gedanke, dass Regulierung allein nicht reicht. Wenn Staaten nur Regeln für private Plattformen schreiben, aber selbst von deren Cloud, Modellen und Dateninfrastrukturen abhängig bleiben, verschiebt sich Macht nicht grundlegend. Eine konstruktive KI-Zukunft müsste daher öffentliche, demokratisch kontrollierte und international kooperierende Alternativen aufbauen.
Podcast mit Cecilia Rikap
Hört gerne mal in den Podcast rein:
https://www.futurehistories.today/episoden-blog/s03/e34-cecilia-rikap-on-intellectual-monopoly-capitalism-and-corporate-power-in-the-age-of-ai/
Ein anschauliches Beispiel für diese Richtung ist Decidim, eine aus Barcelona stammende freie und offene Plattform für Bürger:innenbeteiligung. Decidim beschreibt sich selbst als digitale Infrastruktur für partizipative Demokratie: Menschen können Vorschläge einbringen, diskutieren, abstimmen, Beteiligungsprozesse verfolgen und öffentliche Entscheidungen nachvollziehen. Hier kommen mehrere Ebenen zusammen:
- freie Software,
- öffentliche Förderung,
- zivilgesellschaftliche Nutzung,
- demokratische Governance und
- die Idee, dass digitale Plattformen nicht zwangsläufig Werbe-, Überwachungs- oder Profitmaschinen sein müssen.
Decidim ist kein perfektes Gegenmodell zu Big Tech, aber ein konkreter Hinweis darauf, wie öffentliche digitale Infrastruktur anders gestaltet werden kann: offen, überprüfbar, weiterentwickelbar und politisch eingebettet.
Hier ein Video, das Decidim erklärt: