Kurs: KI und Nachhaltigkeit | OnCourse UB

  • Lektion 3

    • Welche lokalen Konflikte entstehen aus diesen Gerechtigkeitsfragen?

      Die abstrakten Gerechtigkeitskonzepte werden besonders greifbar, wenn man auf konkrete lokale Konflikte schaut. In diesen Konflikten verdichten sich globale Rohstoff- und Datenströme, nationale Entwicklungsstrategien, lokale Lebensrealitäten und ökologische Grenzen. KI ist in solchen Auseinandersetzungen meist nicht als „Algorithmus“ sichtbar, sondern in Form von Minen, Fabriken, Rechenzentren und Müllhalden.

      Ein prominentes Beispiel sind Lithiumkonflikte in Chile

      Der Abbau im sogenannten „Lithium-Dreieck“ hat dazu geführt, dass traditionelle Nutzerinnen von Wasser – etwa indigene Gemeinschaften oder Kleinbäuerinnen, sinkende Grundwasserspiegel, versiegende Quellen und Veränderungen in den Salzseen beobachten (Jerez et al. 2021). Diese Veränderungen bedrohen nicht nur Ernten und Vieh, sondern auch kulturelle Praktiken und spirituelle Beziehungen zu bestimmten Orten. Hier prallen unterschiedliche Zukunftsbilder aufeinander: die Vision des Landes als Rohstofflieferant für eine globale „grüne“ Energiewende und die Vision einer lokal verankerten, ökologisch eingebetteten Lebensweise.

      Zur Veranschaulichung findet ihr hier ein Bild der Salar de Atacama von oben:

      Bild der Salar de Atacama von oben.
      Salar de Atacama aus der Vogelperspektive, Quelle: Oton Barros, Coordenação-Geral de Observação da Terra/INPE, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons

      Das Bild zeigt den Salar de Atacama in Nordchile, eine salzhaltige Wüstenlandschaft, die eindrücklich illustriert, wo die Rohstoffbasis für viele der heutigen Technologien liegt. Der Salar ist eine der wichtigsten Lithiumlagerstätten der Welt. Damit veranschaulicht der Salar de Atacama eindrücklich, wie Ressourcen für globale Technologien aus Regionen stammen können, deren Ökologie und soziale Strukturen durch den globalen Rohstoffbedarf massiv belastet werden.

    • Im Kongo zeigen sich Konflikte rund um Kobalt ähnlich komplex, aber mit verstärkter sozialer Dimension. Arbeiterinnen in handwerklichen Minen arbeiten unter gefährlichen Bedingungen, ohne Schutzkleidung, häufig in illegalen Schächten. Untersuchungen dokumentieren erhöhte Schwermetallwerte im Blut, Fehlbildungen bei Neugeborenen und andere gesundheitliche Folgen in Minenregionen (Lubaba Nkulu et al. 2019). Gleichzeitig bleibt die lokale Infrastruktur oft unterentwickelt, obwohl enorme Werte aus dem Boden geholt werden.

      Konflikte entstehen zwischen Gemeinden, Regierung, internationalen Konzernen und Zwischenhändlern, aber sichtbar sind sie selten auf den Hochglanzfolien der KI-Industrie. Vulnerable Gruppen sind hier insbesondere Kinder, Frauen in Minenregionen, informelle Arbeiterinnen ohne Rechtsschutz sowie ganze Dorfgemeinschaften, die von Umweltverschmutzung und Landverlust betroffen sind.

    • Im Betrieb der KI-Infrastruktur entstehen Konflikte um Wasser, Energie und Land. Denken wir an wasserintensive Rechenzentren: Wird Kühlwasser aus Flüssen, Seen oder Grundwasserschichten entnommen, kann das Auswirkungen auf Fischbestände, Landwirtschaft und Trinkwasserversorgung haben. Konflikte können dann entstehen, wenn Landwirt*innen Ertragseinbußen aufgrund von Wasserknappheit beklagen, während gleichzeitig neue Industrieanlagen angesiedelt werden. Politisch mächtige Akteure können Zugangsrechte sichern, während weniger einflussreiche Gruppen verdrängt werden. Hier sind Gemeinden, die ohnehin von Klimafolgen wie Dürren betroffen sind, besonders verwundbar, da sie weniger Spielraum haben, auf zusätzliche Belastungen zu reagieren.

      Konflikte entstehen auch am Ende des Lebenszyklus. Elektroschrott aus KI-Hardware, Servern und Endgeräten landet in Ländern, die als „Recyclingstandorte“ fungieren, ohne über ausreichende Schutzmaßnahmen zu verfügen. Menschen dort verdienen ihren Lebensunterhalt, indem sie Geräte zerlegen, Metalle heraustrennen und alles andere verbrennen oder deponieren.

      Die Global-E-waste-Analysen zeigen, dass Tausende Tonnen Geräte jährlich informell verarbeitet werden, mit entsprechenden Luft- und Bodenbelastungen (Global E-waste Monitor 2024). Die Konflikte sind hier oft stiller – sie äußern sich nicht immer in offenen Protesten, sondern in Krankheiten, verkürzten Lebensspannen, verschmutzten Flüssen und der Tatsache, dass Kinder an Orten spielen, die voller giftiger Rückstände sind. Vulnerabel sind hier vor allem Menschen in informellen Siedlungen, ohne geregelten Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung oder sicheren Jobs.

    • Vertiefende Fragestellung

      Für welche der Situationen würden Sie sagen, dass lokale Konflikte besonders stark „unsichtbar“ bleiben – und warum?