Course: KI und Nachhaltigkeit | OnCourse UB

  • Lektion 1

    • Wie sind Nachhaltigkeitsfolgen global verteilt?

      Wenn wir über KI und Nachhaltigkeit sprechen, ist inzwischen gut verstanden, dass es erhebliche ökologische Auswirkungen entlang des gesamten Lebenszyklus gibt, von der Rohstoffgewinnung über Rechenzentren bis zum Elektroschrott. In dieser Lektion schauen wir weniger auf die naturwissenschaftlichen Grundlagen, sondern darauf, wo diese Folgen auftreten und wen sie treffen. Die räumliche Verteilung der KI-Folgen ist keineswegs zufällig, sondern folgt bestehenden globalen Macht- und Ungleichheitsstrukturen. Ein erster Blick gilt der Frage:

      Wo steckt die KI-Infrastruktur eigentlich geografisch?

      Ein Großteil der Rechenleistung wird in großen Rechenzentren in Nordamerika, Europa und Ostasien erbracht. Hier befinden sich die Hauptsitze der großen Technologieunternehmen, hier wird geforscht, entwickelt und der größte Teil der Wertschöpfung erzielt. Gleichzeitig stammen viele der Ressourcen, die diese Infrastruktur ermöglichen, aus ganz anderen Weltregionen, insbesondere aus dem Globalen Süden.

      Die Grafik zeigt die bestehenden und geplanten  Datenzentren weltweit, alle beige eingefärbten Gebiete, sind Gegenden die unter Wasserknappheit leiden. Hier zeigt sich, dass Datenzentren sich sehr stark in Gebieten mit Wasserknappheit konzentrieren.

      Weltkarte zeigt aktive und geplante Datenzentren, viele davon in Regionen mit ausgeprägter Wasserknappheit.
      Weltkarte zeigt aktive und geplante Datenzentren, viele davon in Regionen mit ausgeprägter Wasserknappheit.
      Quelle: In Anlehnung an: https://www.theguardian.com/environment/2025/apr/09/big-tech-datacentres-water

      Aber auch die Rohstoffproduktion für die Nutzung vieler digitaler Technologien wirft immer mehr Probleme aus Umweltgerechtigkeitsperspektive auf. Lithium für Batterien wird zum Beispiel stark in der Atacama-Wüste in Chile gefördert.

    • Studien zeigen, dass der intensive Wasserentzug für die Salzseen dort die Wasserverfügbarkeit für indigene Gemeinschaften und empfindliche Ökosysteme massiv beeinträchtigt (Jerez et al. 2021). Ähnliches gilt für Kobalt in der Demokratischen Republik Kongo: Dort wird ein Großteil der weltweiten Förderung unter oft extrem prekären Bedingungen gewonnen, mit gesundheitsgefährdender Exposition gegenüber Schwermetallen und oftmals Kinderarbeit (Lubaba Nkulu et al. 2019). Hier sind es nicht „anonyme Regionen“, sondern ganz konkrete Menschen und Gruppen, die betroffen sind: indigene Gemeinschaften, informelle Minenarbeiter*innen, Kinder und Frauen in ländlichen, marginalisierten Kontexten.

      Hinweis

      Im Betrieb der KI-Infrastruktur verschärft sich also die räumliche Ungleichheit. Das Training großer Sprachmodelle kann hunderte Tonnen CO₂ verursachen, wie wir in Kapitel x (muss noch festgelegt werden) gelernt haben. Noch relevanter ist aber der Dauerbetrieb: Millionen Nutzeranfragen pro Tag erzeugen eine stetige Nachfrage nach Energie. Gleichzeitig ist die Wasserdimension hinzugekommen: Um Rechenzentren zu kühlen, werden je nach Standort enorme Mengen Wasser benötigt (Verweis Kapitel x).

      Die Entsorgungsphase verstärkt die ungleiche Verteilung nochmals. Elektronischer Abfall wird oft aus Ländern mit strengen Umweltauflagen in Länder mit laxeren Regelungen exportiert. Laut Global E-Waste Monitor werden weltweit nur etwa 22 % des E-Waste formal recycelt, ein großer Teil gelangt in informelle Recycling-Cluster in Ländern wie Ghana, Nigeria oder Indien (Global E-Waste Monitor 2024). Dort arbeiten Menschen, häufig sehr junge, die mit einfachsten Mitteln Kabel verbrennen oder Platinen aufbrechen, um an Kupfer oder Gold zu gelangen. Die entstehenden Dämpfe und kontaminierten Böden sind direkt gesundheitsgefährdend, die langfristigen Folgen kaum absehbar. Auch hier zeigt sich: Besonders vulnerabel sind informelle Arbeiterinnen ohne rechtlichen Schutz, Bewohnerinnen armer Stadtviertel und Kinder.

      Die Grafik zeigt, wie Elektroschrott (E-Waste) weltweit zwischen Ländern bewegt wird. Sie verdeutlicht, dass große Mengen E-Waste vor allem in wohlhabenden Industriestaaten entstehen und anschließend häufig in Länder des Globalen Südens exportiert werden, wo Recycling und Entsorgung weniger streng reguliert und billiger sind. Viele dieser Transporte sind offiziell als „gebrauchte Geräte“ deklariert, wodurch sie schwer zu kontrollieren sind. In den Empfängerländern wird der Elektroschrott oft informell und ohne Schutzmaßnahmen recycelt, was zu schweren Umwelt- und Gesundheitsbelastungen führt. Die Routen in der Grafik machen damit deutlich, dass der globale Elektronikverbrauch und seine Schadstoffe größtenteils von ärmeren Regionen getragen werden, obwohl der Nutzen überwiegend in reicheren Ländern entsteht (Okeme & Arrandale 2019).

      Weltkarte mit Handelsrouten zeigt Exporte von Elektroschrott aus Industrieländern in Länder des Globalen Südens.
      Weltkarte mit Handelsrouten zeigt Exporte von Elektroschrott aus Industrieländern in Länder des Globalen Südens.
      Quelle: In Anlehnung an: https://www.researchgate.net/figure/Some-known-and-suspected-sources-routes-and-destinations-of-e-waste-transit-modified_fig1_337306451

      Vertiefung

      Insgesamt ergibt sich ein klares Muster: Die ökonomischen Vorteile von KI, Wertschöpfung, gute Gehälter, Innovationsprestige, konzentrieren sich in einigen Zentren des Globalen Nordens und in technologisch hochentwickelten Regionen Ostasiens. Die ökologischen Folgen, Wasserentzug, Verschmutzung, Flächenverbrauch, Gesundheitsrisiken, treffen überproportional Regionen des Globalen Südens und dort vor allem Gruppen, die ohnehin benachteiligt sind: indigene Bevölkerungen, ländliche Communities, informelle Arbeiter*innen, Frauen und Kinder.