Kurs: Nachhaltige Städte | OnCourse UB

  • Lektion 2

    • Nicht ansteckende Erkrankungen

    • Umweltstressoren in der Stadt

      Auch die Entstehung und Ausbreitung nicht ansteckender Krankheiten hängen mit vielen Gegebenheiten des städtischen Lebens zusammen, die wir Stressoren nennen können, weil sie die Anpassungsfähigkeit des Körpers herausfordern. Diese können unmittelbar auf körperliche Funktionen wirken oder vermittelt durch die psychologische Wahrnehmung.

      Das Problem der urbanen Hitzeinseln hatten wir schon kennen gelernt. Mit voranschreitendem Klimawandel wird sich die Zahl der jährlichen Tage mit potenziell lebensbedrohlichen Temperaturen in vielen Städten auf der Welt, insbesondere in Äquatornähe erhöhen (siehe Lektion 4.4).

      Auch weitere urbane Umweltfaktoren wirken sich auf die Gesundheit aus:

       
    • Psychische und psychosomatische Erkrankungen

      Die Aufmerksamkeit für psychische Erkrankungen hat in jüngerer Zeit spürbar zugenommen. Dabei ist die Trennung zwischen körperlichen und seelischen Erkrankungen zwar tief im gesellschaftlichen Bewusstsein verankert, aber weder zielführend noch haltbar. Denn einerseits liegen auch „psychischen“ Erkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen gestörte körperliche Funktionen zugrunde (z.B. erhöhte oder verminderte Verfügbarkeit von Neurotransmittern oder Hormonen, chronische Muskelanspannung etc.), andererseits sind auch viele vermeintlich rein körperliche Erkrankungen zumindest mit beeinflusst von psychischen Variablen. Die zahlreichen Daten über Zusammenhänge zwischen Faktoren städtischen Lebens und Gesundheit, die Thema dieses Kapitels zeigen ja gerade, dass es in vielen Fällen verkürzt ist, Krankheitsprozesse auf rein individuelle körperliche Vorgänge zu reduzieren, wie es in dem Gesundheitssystem, das wir kennen, aber vorherrschend der Fall ist.

      Psychische Erkrankungen, insbesondere Depressionen und Angststörungen, tragen jedenfalls in erheblichem Maße zur Krankheitslast in urbanisierten Gesellschaften bei und gehören mittlerweile zu den Hauptursachen für Berufsunfähigkeit und frühe Verrentung. Dabei gibt es in Öffentlichkeit und Wissenschaft eine Debatte darüber, ob die Häufigkeit solcher Erkrankungen zugenommen hat. Daten aus den USA legen dies nahe, insbesondere bei jüngeren Menschen (siehe Abbildung).

      Vertiefung

      Als Erklärung dafür werden Faktoren wie eine Überbehütung in der Kindheit und dadurch mangelnde Ausbildung von Selbstwirksamkeit und Problemlösungskompetenz diskutiert sowie negative Effekte übermäßiger Smartphone-Nutzung wie digitale Abhängigkeit, ständige Reizüberflutung und soziale Vergleiche (Haidt, 2024).

      In Deutschland ist die Datenlage weniger eindeutig. Zwar hat auch hier die Zahl der diagnostizierten und behandelten psychischen Erkrankungen zugenommen, es ist aber umstritten, ob dies tatsächlich auf eine Zunahme dieser Probleme zurückzuführen ist. Eine alternative Erklärung besteht darin, dass das Wissen über psychische Erkrankung heute stärker verbreitet ist, weniger gesellschaftliche Stigmatisierung damit verbunden und eine lange bestehende Unterversorgung durch die Einführung von Psychotherapie als Kassenleistung (erst 1999) beendet wurde (vgl. Roth & Steins, 2024).

      Ob zugenommen oder nicht, psychosomatische Erkrankungen haben nicht ohne Grund viel Aufmerksamkeit. Viele Daten zeigen, dass sie in städtischen Lebensumgebungen offenbar etwas stärker verbreitet sind und abhängen von städtebaulichen Variablen wie der Belastung durch die hier genannten Stressoren und der Zugänglichkeit von Grün- und Blauräumen (Peen et al., 2010; Xu et al., 2023). Was das für die nachhaltige Stadtentwicklung bedeutet, vertiefen wir in der nächsten Lektion.

    • Literatur

      ARB (2021). Lebenslagen in Deutschland. Der sechste Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung. Bundesministerium für Arbeit und Soziales. https://www.armuts-und-reichtumsbericht.de/DE/Bericht/Bisherige-Berichte/Der-sechste-Bericht/Der-Bericht/der-bericht.html

      El-Didy, M.H., Hassan, G.F., Afifi, S., & Ismail, A. (2024). Crowding between urban planning and environmental psychology: guidelines for bridging the gap. Open House International, 49(4), 670–695. https://doi.org/10.1108/OHI-06-2023-0146

      Font, A., Guiseppin, L., Blangiardo, M., Ghersi, V. & Fuller, G. W. (2019). A tale of two cities: is air pollution improving in Paris and London? Environmental Pollution, 249, 1-12. https://doi.org/10.1016/j.envpol.2019.01.040

      HEI (2024). State of Global Air Report. The Health Effects Institute. https://www.stateofglobalair.org (hier findest Du auch interaktive Datenvisualisierungen für einzelne Länder)

      Holt-Lunstad, J., Smith, T. B., & Layton, J. B. (2010). Social relationships and mortality risk: a meta-analytic review. PLoS Medicine, 7(7), e1000316.

      Miller, G. (2016). Roots of the urban mind. Science, 352, 908-911. https://doi.org/10.1126/science.352.6288.908

      Peen, J., Schoevers, R.A., Beekman, A.T. and Dekker, J. (2010). The current status of urban-rural differences in psychiatric disorders. Acta Psychiatrica Scandinavica, 121, 84-93. https://doi.org/10.1111/j.1600-0447.2009.01438.x

      Roth, M. & Steins, G. (2024). Anmerkungen zur Problematik fehlender Psychotherapieplätze. Psychologische Rundschau, 75(4), 289-300.

      Twenge, J. M. (2015). Time Period and Birth Cohort Differences in Depressive Symptoms in the U.S. Social Indicators Research, 121, 437-454.

      WBGU (2023). Gesund leben auf einer gesunden Erde. Hauptgutachten 2023. Wissenschaftlicher Beirat Globale Umweltveränderungen der Bundesregierung. Verfügbar unter https://www.wbgu.de/de/publikationen/publikation/gesundleben

      Xu, J., Liu, N., Polemiti, E. et al. (2023). Effects of urban living environments on mental health in adults. Nature Medicine, 29, 1456–1467. https://doi.org/10.1038/s41591-023-02365-w