Kurs: Nachhaltige Städte | OnCourse UB

  • Lektion 1

    • Städtische Dichte und Infektionskrankheiten

      Drei SDG-Symbole: 3: Gesundheit, 6: sauberes Wasser und 11: nachhaltige Städte
      Drei SDG-Symbole: 3: Gesundheit, 6: sauberes Wasser und 11: nachhaltige Städte
      Quelle: https://dgvn.de/ziele-fuer-nachhaltige-entwicklung

      Verbreitung von Krankheitserregern in Netzwerken

      Städte hatten zu allen Zeiten mit Infektionskrankheiten zu kämpfen. Viren und Bakterien werden von Mensch zu Mensch in sozialen Netzwerken weitergegeben. Die Pest („der schwarze Tod“), der im 14. Jahrhundert bis zu einem Drittel der europäischen Bevölkerung zum Opfer fiel, breitete sich entlang von Handelswegen aus.

      Vertiefung

      Im Mittelalter war „Pest“ die Bezeichnung für alle möglichen Epidemien; das Pest-Bakterium im engeren Sinne wurde erst 1894 entdeckt (Wikipedia, o. J.).

      Die Städte der Gründerzeit im 19. und frühen 20. Jahrhundert waren vielfach von Krankheiten wie Tuberkulose, Diphterie und Cholera betroffen. Sexuell übertragbare Krankheiten wie Syphilis und HIV sind mit liberaleren sexuellen Normen in städtisch geprägten Gesellschaften verbunden.

      Michel Serre: La pèste à Marseille (gemeinfrei)
      Michel Serre: La pèste à Marseille; Quelle: gemeinfrei

      Warum die dichteren sozialen Netzwerke eine Ausbreitung von Infektionskrankheiten begünstigen, kann man mit einem einfachen mathematischen Modell erklären, das anhand einer Pest-Epidemie in Mumbai Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelt wurde (Kormack & McKendrick, 1927) und auch in Varianten während der Covid19-Pandemie vielfach zur Prognose und zur Planung von Maßnahmen eingesetzt worden ist. Es heißt SIR-Modell:

      • S steht für „susceptible“ (etwa: empfänglich), d.h. eine Person kann potenziell infi-ziert werden, ggf. mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit, wenn sie auf eine andere infizierte Person trifft.
      • I steht für „infected“ (infiziert)
      • R steht für „recovered“ (genesen) bzw. „removed“ (entfernt); d.h. die Person kann weder selber noch infiziert werden noch die Infektion weitergeben, da sie entweder nach überstandener Erkrankung immun ist oder verstorben.

      Vertiefung

      Im ursprünglichen Modell wurde die soziale Netzwerkstruktur nicht berücksichtigt, aber das lässt sich leicht ergänzen, um die Effekte von dichten Strukturen (wie in Städten) mit jenen von weniger Vernetzung (wie im ländlichen Raum) zu vergleichen (siehe Video).

    • Wenn Du Dich an die Prognosen zum weiteren Voranschreiten der Urbanisierung auf der Welt erinnerst (siehe Kapitel 1), erkennst Du, dass die Netzwerkdichte zwischen Menschen im Verlauf des 21. Jahrhunderts vermutlich erheblich weiter zunehmen wird – ein Grund dafür, dass man leider davon ausgehen muss, dass die Gefahr weiterer Pandemien nach Covid 19 groß ist.

      Ein weiterer Grund ist, dass der Mensch aufgrund der ständigen Ausweitung von Siedlungsflächen (siehe Kapitel 6) näher an tierische Lebensräume heranrückt. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit der Übertragung von Krankheitserregern aus der Tierwelt (so genannte Zoonosen), was auch eine Hypothese zum Ursprung der Covid19-Pandemie ist. Die folgende Abbildung aus der Arbeitsgruppe von Dirk Brockmann an der TU Dresden ist eine Visualisierung der weltweiten Luftverkehrsverbindungen zwischen Städten, die auch weltweite Verbreitungswege für Infektionskrankheiten darstellen. Nicht nur Menschen reisen heute mehr und schneller als im Mittelalter, sondern mit ihnen auch Viren und Bakterien.

      Schau dir diese interaktive Visualisierung des globalen Luftverkehrs an.

    • Innovation zur Verbesserung urbaner Gesundheit

      Das relativ sorglose urbane Leben, das wir heute zumindest in den wohlhabenden Industrieländern kennen, ist erst aufgrund vieler Innovationen möglich geworden, die Infektionskrankheiten weitgehend beherrschbar machten:

    • Handzeichnung von John Snow 1854, Quelle: gemeinfrei
      Handzeichnung von John Snow, 1854 (gemeinfrei)

      Beispiel

      Ein Beispiel für die Bedeutung der städtischen Wasserinfrastruktur ist die Cholera, eine schwere Darmerkrankung, die in vielen Fällen tödlich verläuft. Der englische Arzt John Snow konnte einen Cholera-Ausbruch 1854 in London auf eine bestimmte, offenbar mit dem Erreger kontaminierte öffentliche Wasserstelle zurückführen, indem er eine sorgfältige Kartierung der Cholera-Fälle vornahm (siehe Bild oben). Das Cholera-Bakterium gelangt über Ausscheidungen ins Wasser und kann, wenn es keine hinreichende Trennung von Abwasser und Frischwasser in der Versorgungsinfrastruktur gibt, weitere Menschen infizieren.

      Anders als in den Städten der wohlhabenden Industriestaaten, die heute über eine gute sanitäre Infrastruktur verfügen, ist Cholera für die rund eine Milliarde Menschen in informellen Siedlungen (vgl. Lektion 6.3/7.5) nach wie vor ein erhebliches gesundheitliches Problem mit mehreren Millionen Erkrankten und bis zu 143.000 Todesfällen pro Jahr (WHO, 2024). Auch in der Covid19-Pandemie ließen sich vor der Entwicklung von Impfstoffen die wichtigsten Maßnahmen zur Eindämmung - Händewaschen und Abstand halten - in solchen Siedlungen nicht umsetzen.

    • Krankheitslast und sozioökonomische Lage

      Auch in wohlhabenden, urbanisierten Industriestaaten wie Deutschland spielt die sozioökonomische Lage bei der Ausbreitung von Infektionskrankheiten aber nach wie vor eine Rolle. Dies ist in der nachfolgenden Abbildung auf der linken Seite am Beispiel für die Inzidenz von Covid19-Infektionen in der Anfangszeit der Pandemie in Berlin dargestellt. Auf der rechten Seite siehst Du, dass generell die Verteilung von Gesundheit in der Stadt stark variiert.

      Die Daten beruhen auf einem Gesundheitsindex, der für die verschiedenen Planungsräume in Berlin die Häufigkeit verschiedener Erkrankungen, eine verfrühte Sterblichkeit und ähnliche Variablen zusammenfasst. Dabei lässt sich zeigen, dass zwischen gesundheitlicher Belastung und Armutssegregation (vgl. Lektion 7.4) ein Zusammenhang besteht. In Stadtvierteln, in denen relative Armut häufiger vorkommt, sind auch Krankheit und gesundheitliche Einschränkungen weiterverbreitet.

      COVID-19-Inzidenzkurven 2020–2021 für Berliner Soziallagen sowie Karte des Berliner Gesundheits- und Sozialindex 2022.
      COVID-19-Inzidenzkurven 2020–2021 für Berliner Soziallagen sowie Karte des Berliner Gesundheits- und Sozialindex 2022.
      Quelle: Gesundheits- und Sozialstrukturatlas Berlin (2022) links: S. 90; rechts:  S. 31
       

      Solche Zusammenhänge zwischen sozioökonomischer Lage und krankheitsbedingter Sterblichkeit lassen sich auch für ganz Deutschland nachweisen, sie sind aber über die Zeit geringer geworden (Redler et al., 2021). Das hat vermutlich etwas mit einer in dem Zeitraum verbesserten Umweltqualität zu tun, denn Luftschadstoffe, verunreinigtes Wasser und Lärm begünstigen auch die Entstehung nicht ansteckender Erkrankungen; ein Thema das wir in der nächsten Lektion vertiefen.

    • Literatur

      Gesundheits- und Sozialstrukturatlas Berlin (2022). Senatsverwaltung für Wissenschaft, Gesundheit, und Pflege des Landes Berlin. https://www.berlin.de/sen/gesundheit/gesundheitsberichterstattung/gesundheits-und-sozialstruktur-1367182.php

      Goldin, I. & Lee-Devlin, T. (2023). Age of the city. Why or future will be won or lost together. London: Bloomsbury. (Zu den Folgen der Covid 19-Pandemie insbesondere S. 131-135)

      Kermack, W.O. & McKendrick, A.G. (1927). A contribution to the mathematical theory of epidemics. Proceedings of the Royal Society A, 115, 700-721.

      Redler, P. et al. (2021). Geographic inequality in income and mortality in Germany. Fiscal Studies, 42(1), 147-170. https://doi.org/10.1111/1475-5890.12259

      Wikipedia (o. J.). Pest. https://de.wikipedia.org/wiki/Pest

      WHO (2024). Cholera factsheet. World Health Organization. https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/cholera