Kurs: Nachhaltige Städte | OnCourse UB

  • Lektion 4

    • Segregation

      Mechanismen der Segregation

      Ökonomische und symbolische Unterschiede wie Einkommen, ethnische Gruppenzugehörigkeit oder Lebensstile und Wertvorstellungen bilden sich in Städten räumlich ab, weil ähnliche Menschen tendenziell in den gleichen Vierteln wohnen und verschiedene Menschen an aus-einander liegenden Orten. Dieser Umstand wird residentielle Segregation genannt.

      Geschlechterbezogene Segregation gibt es in der Regel nicht in den Städten, weil die meisten Menschen in heterosexuellen Paarbeziehungen bzw. Familien und damit eben nicht räumlich nach Geschlecht getrennt leben.

    • Beispiel: Chinatown in Toronto, Kanada

      Ein Beispiel für ethnische Segregation. Toronto gilt als eine der ethnisch diversesten Städte der Welt und ist eine typische "Ankunftsstadt" (vgl. Lektion 7.2) in der auf Einwanderung ausgerichteten kanadischen Gesellschaft. Die Heimatkultur der Eingewanderten ist vielfach am Stadtbild sichtbar und drückt sich auch in Quartiersbezeichnungen aus (Little Italy, Koreatown, Portugal Village etc.). Auch Spuren deutscher Einwanderung vor allem im 19. Jahrhundert sind noch sichtbar.

      Bilder: Tobias Schröder, 2016

    • Segregation hat vielfältige Gründe: Wer als Migrant*in in einer Stadt neu ankommt, sucht oft Nähe zu Familie oder zumindest Netzwerken von Bekannten, eine vertraute sprachliche und kulturelle Umgebung und eine bezahlbare Wohnung. Unterschiede bei Einkommen und Zugang zu Arbeit oder Krediten sowie Diskriminierung bei der Wohnungsvergabe können die Wahlmöglichkeiten einschränken. So entstehen „ethnische Quartiere“, die einerseits Schutz, Informationen und Einstiegschancen bieten, andererseits Armut, schlechtere Bildungs- und Gesundheitschancen sowie Stigmatisierung verstärken können.

      Nicht alle Städte auf der Welt sind gleich, sondern auch der der historische Hintergrund ist wichtig. In vielen Ländern wurde Segregation in der Vergangenheit politisch geplant und verankert.

      Beispiel

      In ehemaligen Sklavenhaltergesellschaften wie den USA prägten zunächst offen rassistische Wohnvorschriften, privatrechtliche Ausschlussklauseln und später verstecktere Gewohnheiten und Vorurteile die Verteilung des städtischen Raums über Jahrzehnte. Viele der so entstandenen Ungleichheiten wirken bis heute fort. In Kolonialstädten wurden planerisch privilegierte europäische Enklaven bewusst von „einheimischen“ Vierteln getrennt - etwa in Indien unter britischer oder in Marokko und Algerien unter französischer Herrschaft.

      Auch Nairobi (siehe die Fallstudie in der nächsten Lektion) ist ein Beispiel für den langen Arm der kolonialen Vergangenheit, weil seinerzeitige Stadtplanung Vermögensaufbau, Eigentumsverhältnisse an Grund und Boden, Infrastruktur und Bildungsmöglichkeiten über Generationen hinweg bis heute ungleich verteilt hat.

      Definition: Emergenz

      Wenn in einem komplexen System stabile Muster ungeplant aus den Interaktionen der Systemelemente hervorgehen, spricht man von emergentem Verhalten des Systems.

      Dass Segregation nicht nur „von oben“ entsteht, zeigt das bekannte Simulationsmodell des Ökonomen Thomas Schelling (1969): Selbst leichte Vorlieben, lieber einige „ähnliche“ Nachbarn zu haben, können – wenn viele Menschen so entscheiden – überraschend starke Trennungen hervorbringen. Kleine, lokale Umzüge summieren sich zu großen Mustern, ohne dass jemand das plant. Das erklärt, warum Segregation auch rein emergent und ohne offene Diskriminierung entstehen und zunehmen kann (siehe Video).

    • Das Schelling-Modell wird auch manchmal „Tipping Model“ (etwa: Kippmodell) genannt, weil es zeigt, dass Nachbarschaften manchmal „kippen“ können von der Dominanz einer Gruppe von Bewohner*innen zu einer anderen. Solche Prozesse kommen in Städten tatsächlich vor. Ein Beispiel dafür ist Gentrifizierung (von “gentry”, eine englische Adelsklasse, die im 18. Jahrhundert von ihren Landgütern in die Innenstädte zog; vgl. Kronauer, 2018). Damit wird zumeist die Verdrängung einkommensschwacher durch wohlhabendere Haushalte gemeint, welche als Folge der Aufwertung eines Stadtviertels geschieht. Aufwertung ist dabei einerseits in einem materiellen Sinne gemeint, also z.B. Verbesserung der Bausubstanz durch umfangreiche Sanierungsinvestitionen und Ansiedlung von sozialer Infrastruktur wie hochwertigen Restaurants oder Kultureinrichtungen. Andererseits hat sie einen symbolischen Aspekt, der sich auf die Reputation des Quartiers bezieht, also wie „hip“ und begehrt es ist, vergleichbar einer Modeerscheinung.

      Gentrifizierung ist wieder ein gutes Beispiel für die vielen Zielkonflikte bei der nachhaltigen Entwicklung von Städten: Einerseits ist die Aufwertung ja gerade gewollt in Quartieren mit ärmeren Bevölkerungsgruppen, die hinsichtlich ihres Zugangs zu Infrastruktur benachteiligt sind. Andererseits kann sie dazu führen, dass die Immobilien-/Mietpreise in diesen Vierteln so stark steigen (auch wenn dies in Ländern wie Deutschland aufgrund der starken Mietpreisregulierung im Bestand nur langsam erfolgt, siehe Kapitel 6), dass genau diese Bevölkerungsgruppen sich das Wohnen dort nicht mehr leisten können. Ein extremes Beispiel dafür sind staatliche Aufwertungsprojekte in Slums, die dazu führen, dass Preise so stark steigen, dass Bewohner*innen in einen anderen Slum umziehen (s. Fallstudie Nairobi/Lektion 7.5).

    • Literatur

      Helbing, M. (2023). Hinter den Fassaden. Zur Ungleichverteilung von Armut, Reichtum, Bildung und Ethnie in den deutschen Städten. Discussion Paper, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung: https://bibliothek.wzb.eu/pdf/2023/p23-003.pdf

      Kronauer, M. (2018). Gentrifizierung. Bundeszentrale für politische Bildung. https://www.bpb.de/themen/stadt-land/stadt-und-gesellschaft/216871/gentrifizierung-ursachen-formen-und-folgen/

      Schelling, T.C. (1969). Models of segregation. The American Economic Review, 59(2), 488-493.