Segregation hat vielfältige Gründe: Wer als Migrant*in in einer Stadt neu ankommt, sucht oft Nähe zu Familie oder zumindest Netzwerken von Bekannten, eine vertraute sprachliche und kulturelle Umgebung und eine bezahlbare Wohnung. Unterschiede bei Einkommen und Zugang zu Arbeit oder Krediten sowie Diskriminierung bei der Wohnungsvergabe können die Wahlmöglichkeiten einschränken. So entstehen „ethnische Quartiere“, die einerseits Schutz, Informationen und Einstiegschancen bieten, andererseits Armut, schlechtere Bildungs- und Gesundheitschancen sowie Stigmatisierung verstärken können.
Nicht alle Städte auf der Welt sind gleich, sondern auch der der historische Hintergrund ist wichtig. In vielen Ländern wurde Segregation in der Vergangenheit politisch geplant und verankert.
Beispiel
In ehemaligen Sklavenhaltergesellschaften wie den USA prägten zunächst offen rassistische Wohnvorschriften, privatrechtliche Ausschlussklauseln und später verstecktere Gewohnheiten und Vorurteile die Verteilung des städtischen Raums über Jahrzehnte. Viele der so entstandenen Ungleichheiten wirken bis heute fort. In Kolonialstädten wurden planerisch privilegierte europäische Enklaven bewusst von „einheimischen“ Vierteln getrennt - etwa in Indien unter britischer oder in Marokko und Algerien unter französischer Herrschaft.
Auch Nairobi (siehe die Fallstudie in der nächsten Lektion) ist ein Beispiel für den langen Arm der kolonialen Vergangenheit, weil seinerzeitige Stadtplanung Vermögensaufbau, Eigentumsverhältnisse an Grund und Boden, Infrastruktur und Bildungsmöglichkeiten über Generationen hinweg bis heute ungleich verteilt hat.
Definition: Emergenz
Wenn in einem komplexen System stabile Muster ungeplant aus den Interaktionen der Systemelemente hervorgehen, spricht man von emergentem Verhalten des Systems.
Dass Segregation nicht nur „von oben“ entsteht, zeigt das bekannte Simulationsmodell des Ökonomen Thomas Schelling (1969): Selbst leichte Vorlieben, lieber einige „ähnliche“ Nachbarn zu haben, können – wenn viele Menschen so entscheiden – überraschend starke Trennungen hervorbringen. Kleine, lokale Umzüge summieren sich zu großen Mustern, ohne dass jemand das plant. Das erklärt, warum Segregation auch rein emergent und ohne offene Diskriminierung entstehen und zunehmen kann (siehe Video).