Lebensstile beschreiben typische Muster, wie Menschen ihr Leben gestalten - also wie sie wohnen, konsumieren, arbeiten, ihre Freizeit verbringen und welche Werte und Haltungen sie dabei leiten. Anders als klassische Analysen sozialer Ungleichheit, die vor allem auf materielle Ressourcen wie Einkommen, Bildung oder Beruf fokussieren, rücken Lebensstilansätze die kulturelle Dimension sozialer Unterschiede in den Mittelpunkt: Menschen unterscheiden sich nicht nur darin, was sie sich leisten können, sondern auch darin, was sie für erstrebenswert halten und wie sie ihr Leben symbolisch gestalten.
Grafik ordnet neun Lebensstiltypen nach Ausstattungsniveau und Modernität ein; Kreisgrößen zeigen ihre Bevölkerungsanteile. Quelle: Heilweck-Backes (2011, Abb. 1, S. 186).
Der Soziologe Gunnar Otte (2004) hat auf dieser Grundlage eine empirisch fundierte Lebensstiltypologie für Deutschland entwickelt. Sie kombiniert das materielle Ausstattungsniveau mit kultureller Orientierung anhand einer Dimension, die von der Bedeutung traditioneller Werte bis zur Offenheit für gesellschaftliche Veränderung reicht. So entstehen typische Gruppen - von traditionell-bürgerlichen und statusorientierten bis zu postmateriellen oder hedonistischen Lebensstilen. In der folgenden Abbildung sind diese Gruppen einschließlich ihrer zahlenmäßigen Verteilung am Beispiel einer Befragung der Bevölkerung der Stadt Stuttgart aus dem Jahr 2008 dargestellt (Heilweck-Backes, 2011).
Für die nachhaltige Stadtentwicklung ist dieses Konzept relevant, weil Lebensstile unterschiedliche Wohn- und Mobilitätsmuster, Konsumstile und Umweltorientierungen prägen. Wer etwa postmateriellen oder experimentellen Lebensstilen folgt, legt häufig Wert auf gemeinschaftliche Wohnformen, kulturelle Vielfalt und nachhaltigen Konsum, während konsum-materialistische oder traditionelle Gruppen andere Prioritäten setzen.
Beispiel
Die Befragung in Stuttgart zeigte zum Beispiel, dass ästhetische Architekturpräferenzen stark zwischen den nach Otte klassifizierten Milieus variieren. Das klassische Einfamilienhaus hat eine große Bedeutung bei mittleren und niedrigen Statusgruppen, während verdichtete durchmischte Bauweisen eher von Reflexiven und Liberal Gehobenen präferiert werden (vgl. Kapitel 6).
Die Kenntnis solcher Lebensstilunterschiede hilft daher, Stadtentwicklungsstrategien sozial differenziert zu gestalten – etwa bei der Ansprache verschiedener Milieus in Klimaschutz-, Mobilitäts- oder Beteiligungsprojekten bei der Quartiersentwicklung.
Zwei Stuttgart-Karten vergleichen Anteile traditioneller Anbieter und Reflexiver; Farbstufen zeigen ihre räumliche Häufung. Quelle: In Anlehnung an Heilweck-Backes (2011, Ausschnitte aus Karte 1, S. 192f.)
Eine weitere wichtige Erkenntnis aus der Lebensstilforschung ist, dass die Milieus nicht gleichmäßig über die Stadt verteilt sind, sondern hinsichtlich Ausstattungsniveau und Werthaltungen ähnliche Bevölkerungsgruppen konzentrieren sich auf bestimmte Stadtteile. Dies wird residentielle Segregation genannt – das Thema vertiefen wir in der nächsten Lektion.
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Otte, G. (2004). Sozialstrukturanalysen mit Lebensstilen. Wiesbaden: Springer VS.
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