In Deutschland steht die politische Debatte über Migration vor allem unter dem Eindruck von Flucht in Reaktion auf die Kriegsereignisse der letzten Jahre in Syrien, Afghanistan und der Ukraine. So groß die damit verbundene Herausforderung für die Städte in Deutschland auch ist, so verstellt sie aber den Blick darauf, dass Migration zu ganz überwiegenden Anteilen auf regulärem und legalem Wege zum Zwecke der Arbeitsaufnahme stattfindet – in Deutschland vor allem im Zuge der EU-Freizügigkeit aus süd- und osteuropäischen Ländern.
Global ergibt sich ein ähnliches Bild
Die meisten internationalen Migrant*innen zieht es in Nachbarländer in ihrer Region (siehe Grafik) und bei weniger als 10% von ihnen handelt es sich um Flüchtlinge (de Haas, 2023).
Sankey-Diagramm: Migration zwischen Kontinenten im Jahr 2020. Quelle: OurWorldinData.org.
Binnenmigration
Etwa eine Milliarde Menschen weltweit - und damit der weitaus größte Anteil aller Migrant*innen - sind innerhalb ihres eigenen Landes an einen anderen Ort gezogen. In den meisten Fällen bedeutet das, aus einem ländlichen Gebiet in eine Stadt zu ziehen, wo in praktisch allen Erdteilen Armut weniger verbreitet ist (siehe Grafik) und größere wirtschaftliche Chancen warten. In den großen Ländern der neuen „globalen Mittelschicht“ wie China, Indien, Indonesien oder Brasilien ist diese Migrationsdynamik in vollem Gang, die in Europa und Nordamerika eher für das 19. Jahrhundert kennzeichnend war (de Haas, 2023). In China allein leben geschätzt 270 Millionen Binnenmigrant*innen (de Haas, 2023; vgl. die Fallstudie zum Perlflussdelta in Kapitel 1).
Das sind fast so viele Menschen wie internationale Migrant*innen weltweit (siehe die Grafik im vorigen Absatz)! In vielen vergleichsweise ärmeren und noch wenig urbanisierten, aber bevölkerungsreichen Ländern auf dem afrikanischen Kontinent nimmt die Binnenmigration zu und stellt viele Städte vor enorme Herausforderungen im Ausbau ihrer Infrastruktur (siehe Fallstudie in Lektion 7.5).
Balkendiagramm: Anteil ländlicher vs. städtischer Armut in Weltregionen; ländliche Werte überall deutlich höher. Quelle: United Nations (2020, Abb. 4.1, S. 111)
Migration und Städte
Auch die internationale Migration ist aber ein städtisches Phänomen.
Als Daumenregel gilt:
Je größer die Stadt, desto höher der Anteil an Einwohner*innen mit ausländischer Staatsangehörigkeit – für Deutschland ist das in der nachfolgenden Grafik dargestellt.
Ausländeranteil in Deutschland nach Region, 2022. Quelle: Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (2024).
Wenn man den Migrationshintergrund betrachtet, also Geburt zumindest eines Elternteils im Ausland, ist der Anteil sogar noch deutlich höher und betrifft in Städten wie Offenbach, Frankfurt am Main oder Nürnberg sogar mittlerweile die Mehrheit der Bevölkerung. Das hat wiederum Folgen für das Zusammenleben und mögliche gesellschaftliche Konflikte in den Städten sowie die räumlichen Siedlungsmuster (ethnische Segregation), die wir in Lektion 7.4 vertiefen werden. Ein Migrationshintergrund gehört in deutschen Städten zu den Hauptrisikofaktoren für (relative) Armut (Statistisches Bundesamt, 2024).
Für die Präferenz von aus dem Ausland neu Zugezogenen für Städte gibt es viele Gründe:
Bessere Arbeitsplätze oder Ausbildungsmöglichkeiten stehen zur Verfügung
Städte bieten aufgrund ihrer individualistischen Sozialstruktur (siehe Kapitel 1) bessere und passfähigere Möglichkeiten, eine „Nische“ zu finden, statt auf eine Gemeinschaft zu treffen, die homogen ist und wenig aufnahmebereit für Neuankömmlinge
Es sind schon Gemeinschaften aus der eigenen ethnischen Gruppe vorhanden, viel-leicht sogar Bekannte oder Verwandte, die einem den Einstieg erleichtern
Städte sind bekannter und haben ein international medial verbreitetes Image
Arrival Cities
Das Konzept der Ankunftsstädte (Saunders, 2012) bezeichnet städtische Übergangsräume, in denen Neuankömmlinge - meist aus ländlichen Regionen oder ärmeren Ländern - zu ersten, bezahlbaren Wohn- und Arbeitschancen gelangen, Netzwerke bilden und Schritt für Schritt in der Stadtgesellschaft und Wirtschaft aufsteigen. Gelingt dort Teilhabe (Wohnraum, Arbeitsplätze, Bildung, politische Repräsentation), werden Städte zu Aufstiegsmotoren; bei Ausgrenzung oder Verdrängung drohen Armut, Segregation und Konflikte.
Literatur
De Haas, H. (2023). How migration really works. A factful guide to the most divisive issue in politics. Penguin.
Saunders, D. (2012). Arrival city. How the largest migration in history is reshaping our world. Penguin Random House.