Zahlenspiele wie „die Reichsten 1% besitzen so viel wie die ärmsten 95%“ oder „62 Milliardäre besitzen so viel wie die 3,8 Milliarden ärmsten 50% der Weltbevölkerung“ eignen sich gut für Medienkampagnen von zivilgesellschaftlichen Organisationen (Oxfam, 2025), weil sie die extreme Ungleichverteilung von Ressourcen auf der Welt gut auf den Punkt bringen. Sie beleuchten aber nur einen kleinen Ausschnitt des Phänomens und lassen außer acht, dass auch unter den „ärmsten 50% (oder gar 95%)“ die Lebensbedingungen höchst unterschiedlich sind. Politisch und wissenschaftlich sind insbesondere die folgenden Begriffe von Bedeutung für eine differenzierte Beschreibung und Analyse von ökonomischer Ungleichheit:
Entgegen vielfach verbreiteter Annahmen ist die Verteilung von Einkommen in Deutschland (nach Steuern und Sozialtransfers) seit etwa 20 Jahren relativ stabil mit Gini-Koeffizienten um etwa .30 mit leichten Schwankungen von Jahr zu Jahr. Das gilt auch für die Verteilung von Vermögen, wobei hier das absolute Niveau an Ungleichheit erheblich höher ist (Gini ca. .50 bis .70, je nachdem ob gesetzliche Rentenansprüche mit eingerechnet werden oder nicht).
Der Anteil der armutsgefährdeten Bevölkerung (relative Armut) hat vor allem aufgrund von Zuwanderung (siehe nächste Lektion) leicht zugenommen und schwankt zwischen 15 und 16%. Absolute Armut gibt es in Deutschland praktisch nicht, weil das wirtschaftliche Existenzminimum in der Regel durch sozialstaatliche Leistungen gewährleistet wird. Zeitreihen und aktuelle Daten zu Armut und Ungleichheit stellt das Statistische Bundesamt zur Verfügung.
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Hier findest Du außerdem (optional) vertiefende Informationen zur Situation in Deutschland in einem Dossier der Bundeszentrale für politische Bildung.
Entwicklung des weltweiten Wohlstands und seiner Verteilung
Globale Ungleichheit in 1800, 1975 und 2015
Die - schon etwas ältere - Grafik fasst die historische Entwicklung von Wohlstand, Armut und Ungleichheit seit rund 200 Jahren sehr anschaulich zusammen. Du kannst sehen, dass absolute Armut vor Beginn der Industrialisierung und Massenurbanisierung im 19. Jahrhundert (vgl. Kapitel 1) der Normalzustand für fast alle Menschen war – Hunger und ein oft verfrühter Tod gehörten zum Leben!
Im 20. Jahrhundert war das Bild im wesentlichen zweigeteilt: Die meisten Menschen auf der Welt waren nach wie vor arm, aber in den städtisch geprägten Gesellschaften in Europa und Amerika war ein breiter Wohlstand verbreitet. Das späte 20. und frühe 21. Jahrhundert zeichnet sich vor allem durch das wirtschaftliche Aufholen vieler asiatischer Länder aus, was dazu geführt hat, dass heute “nur noch” die oben genannten rund 10% der Menschheit in absoluter Armut leben, die meisten davon auf dem afrikanischen Kontinent.
Also:
Du verstehst jetzt vielleicht, dass die Geschichte durchaus komplexer ist als der Reichtumsunterschied zwischen wenigen Milliardären und dem Rest der Menschheit: Ja, die urbanisierte Welt ist extrem ungleich, aber sie hat auch dazu geführt, dass 90% der Menschen heute zumindest nicht mehr in bitterster Armut leben müssen.