Flächenverbrauch und das 30-Hektar-Ziel in Deutschland
Deutschland hat eine Fläche von knapp 358.000 km2, von denen etwa die Hälfte landwirtschaftlich genutzt werden und 30% für Wälder (BBSR, 2022). Rund 52.000 km2 (also ca. 14,5%) sind Siedlungs- und Verkehrsflächen, sie sind also für Wohnen, Industrie und Gewerbe, Straßen- oder Schienenwege erschlossen. Dieser Anteil hat sich seit dem Zweiten Weltkrieg etwa verdoppelt und seit der deutschen Wiedervereinigung 1990 immerhin noch um knapp 30 % erhöht, worin sich die anhaltende (Sub-)Urbanisierungsdynamik in Deutschland widerspiegelt (Schröder et al., 2011; Umweltbundesamt, 2025). Grob die Hälfte der Siedlungs- und Verkehrsflächen sind versiegelt, etwa durch Häuser oder Asphalt-/Betonstraßenoberflächen; der Rest sind innerstädtische Gärten, Parks, Friedhöfe oder ähnliches.
Neubaugebiet am Ortsrand mit Einfamilienhäusern und Kränen; davor Felder – Beispiel für wachsenden Flächenverbrauch. Quelle: Eigenes Foto.
Ein Neubaugebiet am Ortsrand. Die derartige Ausweitung suburbaner Siedlungsstrukturen ist einer der wesentlichen Treiber des Flächenverbrauchs in Deutschland (und anderen Ländern). Dies gilt insbesondere übrigens in Kleinstädten und sogar in schrumpfenden Gegenden, wo Kommunen versuchen, mit der Ausweisung von günstigem Bauland Familien und Erwerbstätige anzuziehen. Vielerorts kommt es so zu einem paradoxen Nebeneinander von Leerstand in sterbenden Innenstädten bei gleichzeitiger Ausweitung der Siedlungsfläche auf Kosten landwirtschaftlicher Nutzfläche.
30-Hektar-Ziel
Die Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie zielt bis 2030 auf eine Verringerung der Flächeninanspruchnahme auf durchschnittlich weniger als 30 ha/Tag, zum Vergleich: das ist die Fläche von etwa 42 Fußballfelder (pro Tag!). Langfristig strebt Deutschland eine Flächenkreislaufwirtschaft (s.u.) mit Netto-Null-Flächeninanspruchnahme bis 2050 an.
Hintergrund: Böden sind knappe, nicht vermehrbare Ressourcen; ihre Versiegelung schwächt Klimaanpassung (Hitze, Starkregen), zerstört Lebensräume, fördert Zersiedelung (mehr Wege/Emissionen) und erhöht Infrastrukturlasten (siehe das Video am Anfang der Lektion).
Rückgang des täglichen Flächenverbrauchs in Deutschland von über 120 ha auf etwa 50 ha; Zielmarke 30 ha bis 2030 Quelle: In Anlehnung an Umweltbundesamt mit Daten des Statistischen Bundesamtes
Die Grafik zeigt basierend auf Daten des Statistischen Bundesamtes, dass sich die Geschwindigkeit, mit der in Deutschland neue Flächen für Siedlungszwecke in Anspruch genommen werden, deutlich reduziert hat auf zuletzt rund 50ha im täglichen Durchschnitt (Umweltbundesamt, 2025). Zumindest ausgehend von dem hier dargestellten Datenstand (2023) ist aber nicht absehbar, dass das 30-Hektar-Ziel im Jahr 2023 erreichbar sein wird, wenn sich keine Veränderung des Trends ergibt. Aktualisierte Daten findest Du auf der verlinkten Seite des Umweltbundesamtes oder direkt beim Statistischen Bundesamt.
Entwicklung individueller Wohnflächenansprüche
Ein wesentlicher Grund für den Flächenverbrauch ist die stark gestiegene pro Kopf verfügbare Wohnfläche, von durchschnittlich 34,8 m2 im Jahr der Wiedervereinigung 1990 auf zuletzt 48,4 m2 in 2023 (Umweltbundesamt, 2024).
Für diese Entwicklung sind verschiedene Faktoren verantwortlich:
Erstens steigt die Zahl der Single-Haushalte aufgrund der Individualisierungstendenzen urbanisierter Gesellschaften und damit wegen ökonomischer Skaleneffekte der Platzbedarf pro Kopf (vgl. Kapitel 1).
Zweitens bleiben viele ältere Menschen nach Auszug der Kinder in ihren für ein oder zwei Personen eigentlich zu großen Wohnungen und Häusern wohnen - sei es aus persönlichen Gründen oder weil aufgrund der Mietpreisregulierung im Bestand eine neue, kleinere Wohnung teurer wäre als die bestehende große.
Und drittens steigen ganz allgemein mit dem Wohlstand die gesellschaftlich als normal angesehenen Ansprüche: Wie viel Wohnraum angemessen ist, dafür gibt es keinen objektiven Maßstab, sondern man orientiert sich an dem, was um einen herum üblich ist - in gewisser Weise also eine Art Teufelskreis, bei dem steigende Wohnflächen in der Gesellschaft zu immer höheren Ansprüchen an Wohnfläche führen.
Aufgabe
Geh noch mal auf die Website https://sdg-portal.de/ die wir aus Kapitel 2 bereits kennen. In den Nachhaltigkeitsindikatoren für Städte findest Du auch Daten zum Anteil der Siedlungs- und Verkehrsfläche (zwei Indikatoren von SDG 11). Suche die Daten für die Städte Flensburg und Frankfurt (Oder) sowie für Deine eigene Heimatstadt.
Schröder, T., Huck, J., & de Haan, G. (2011). Transfer sozialer Innovationen. Eine zukunftsorientierte Fallstudie zur nachhaltigen Siedlungsentwicklung. Springer VS.