Kurs: Nachhaltige Städte | OnCourse UB

  • Lektion 1

    • Städtebauliche Leitbilder und Nachhaltigkeit

      Symbole der SDGs 1, 11, 13 und 15: Keine Armut, nachhaltige Städte, Klimaschutz und Leben an Land
      Symbole der SDGs 1, 11, 13 und 15: Keine Armut, nachhaltige Städte, Klimaschutz und Leben an Land
      Quelle: https://dgvn.de/ziele-fuer-nachhaltige-entwicklung
       

      Alte und neue Leitbilder

      Leitbilder sind bildhafte Zielentwürfe der Stadtentwicklung: Sie übersetzen komplexe Ziele in handlungsleitende Prinzipien und prägen damit langfristig Form, Regeln und Investitionen – mit großen Folgen für Energieverbrauch, Emissionen, Erreichbarkeit und Lebensqualität. Einflussreiche städtebauliche Leitbilder des 20. Jahrhunderts sind die Gartenstadt (Ebenezer Howard) und die in der Charta von Athen (Le Corbusier) formulierten Prinzipien der räumlichen Trennung städtischer Funktionen, welche mit der Ausrichtung auf individuelle Automobilität einher ging („autogerechte Stadt“).

      Vertiefung

      Diese Ideen entstanden als Reaktion auf viele der Probleme, die mit der schnellen Urbanisierung der Gründerzeit verbunden waren wie industrielle Emissionen und mangelhafte hygienische Zustände in den seinerzeitigen, extrem dicht bewohnten Arbeiterquartieren (vgl. Kapitel 8).

      Die Folge war vielerorts starre Zonierung in der Flächennutzungsplanung (z.B. Ausweisung reiner Wohn- oder Gewerbegebiete), wachsende Distanzen zwischen Wohnen und Arbeiten, ein starker Ausbau der Straßeninfrastruktur und eine deutlich geringere Bevölkerungsdichte - aber mit steigenden Flächen- und Energieverbräuchen (siehe Grafik). Die damit verbundenen Prozesse der Stadtentwicklung werden auch als Suburbanisierung bezeichnet und sind getragen mit einer Idealvorstellung vom Leben in einer Einfamilienhaussiedlung am Stadtrand (siehe Lektion 6.2).

      Seit Ende des 20. Jahrhunderts setzt sich unter dem Eindruck der Nachhaltigkeitsdebatte da-gegen das Leitbild der kompakten, durchmischten „Stadt der kurzen Wege“ durch:

      • hohe Bebauungsdichte,
      • Nutzungsmischung,
      • qualitätsvolle öffentliche Räume und
      • ökologisch aufgewertete Freiräume

      als städtebauliche Idealvorstellungen. In gewisser Weise geht damit der Städtebau zu den Wurzeln der organisch gewachsenen Städte im Europa des Mittelalters zurück, denn die genannten Qualitäten trafen auf diese Städte vielfach zu.

      Daher ist es auch kein Zufall, wenn die Neue Leipzig Charta, das zentrale politische Dokument nachhaltiger urbaner Entwicklung sich auf die „Europäische Stadt“ beruft (vgl. Kapitel 2).

      Eine zentrale Frage ...

      ... für die Massenurbanisierung im 21. Jahrhundert wird sein, inwieweit diese alten städtebaulichen Ideale auch für die global vernetzten Metropolen von heute tau-gen und wie passfähig sie in kulturellen Kontexten außerhalb Europas mit anderen städte-baulichen Traditionen sind.

      Mit steigender
      städtebaulicher Dichte sinkt der Energieverbrauch für privaten Verkehr;
      Autostädte liegen am höchsten.
      Mit steigender städtebaulicher Dichte sinkt der Energieverbrauch für privaten Verkehr; Autostädte liegen am höchsten.
      Quelle: Newman & Kenworthy (2021, S. 534, Fig. 1)
       

      Die Grafik aus einem Aufsatz von Newman & Kenworthy (2021) zeigt den empirischen Zusammenhang zwischen der städtebaulichen Dichte und dem Energieverbrauch, der für die innerstädtische Mobilität notwendig ist. Aufbauend auf etwa 30 Jahren Forschung zur Autoabhängigkeit von Städten beschreiben die Autoren eine grobe 3er-Klassifikation von Städten:

      Beispiel

      Fußgängerstädte mit dichten Kernen und guter nahörtlicher Erreichbarkeit vieler Ziele, Transit-Städte mit öffentlichen Verkehrsmitteln als Rückgrat und Autostädten mit dünn be-bauten Außenbereichen, die nur mit Straßenverkehr gut zu erreichen sind.

      Diese Stadtstrukturen sind mit regional unterschiedlicher historischer Entwicklung und Planungskulturen verbunden: In den USA dominierte lange eine rein auf das Auto ausgerichtete Stadtentwicklung; Europa und große Teile Asiens bewahrten stärker Transit- und Fußgänger-Stadtentwicklung. Seit den 1990ern zeigt sich in Stadt- und Verkehrsplanung weltweit ein kultureller Wandel:

      • Reurbanisierung,
      • Investitionen in Schienenverkehr,
      • Aufwertung des Fuß- und Radverkehrs und
      • das Hinterfragen von Straßenausbau als alleinige Lösung;

      vielerorts nähert sich auch die Geschwindigkeit des öffentlichen Verkehrs der des Autos an (Newman & Kenworthy, 2021)

       
    • Literatur

      Moreno, C., Allam, Z., Chabaud, D., Gall, C. & Pratlong, F. (2021). Introducing the “15-Minute City”: Sustainability, Resilience and Place Identity in Future Post-Pandemic Cities. Smart Cities, 4(1), 93–111. https://doi.org/10.3390/smartcities4010006

      Newman, P., & Kenworthy, J. (2021). Gasoline consumption and cities revisited: What have we learnt? Current Urban Studies, 9, 532-553. https://doi.org/10.4236/cus.2021.93032

      WBGU (2016). Der Umzug der Menschheit. Die transformative Kraft der Städte. Hauptgutachten 2016. Wissenschaftlicher Beirat Globale Umweltveränderungen der Bundesregierung. Verfügbar unter wbgu.de