Die Studie „Mobilität in Deutschland“ (MiD) ist eine bundesweite, wiederkehrende Haushaltsbefragung zum Alltagsverkehr im Auftrag der Bundesregierung. Sie erfasst mit Wegetagebüchern (für einen Stichtag) und Hintergrundfragen das tatsächliche Mobilitätsverhalten:
Wegezweck,
Verkehrsmittel,
Entfernung,
Dauer,
Start/Ziel
dazu Haushalts- und Personendaten (u. a. Kfz-Verfügbarkeit, ÖPNV-Ticket, Führerschein). Die MiD wird in mehrjährigen Wellen (2002, 2008, 2017, 2023) erhoben, nach Regionen und Bevölkerungsmerkmalen hochgerechnet und ermöglicht so zeitliche Trends und räumliche Vergleiche bis in Kommunen, die sich beteiligen.
Für die aktuellste Ausgabe wurden zwischen April 2023 und Juli 2024 wurden rund 218.000 Haushalte bzw. >420.000 Personen zu knapp 1,1 Mio. zurück gelegten Wegen befragt. Die MiD-Studien stellen eine der wichtigsten Planungsgrundlagen für die Verkehrspolitik in Deutschland dar.
Motive und Einstellungen: Psychologie nachhaltiger Mobilität
Während die MiD-Studien die wohl beste verfügbare Datenquelle für das tatsächliche Mobilitätsverhalten in Deutschland darstellen, zielen andere Studien mehr auf die Einstellungen und psychologischen Motive ab. Gerade wenn man aus Nachhaltigkeitsgründen an einer Veränderung der Mobilitäts-Verhaltensmuster interessiert ist, sind solche Ergebnisse relevant. In der Tabelle sind Einschätzungen einer für Deutschland repräsentativen Stichprobe von rund 6.000 Befragten darüber enthalten, wie sehr verschiedene traditionelle und innovative Mobilitätsformen verschiedene Bedürfnisse erfüllen, die bei der Verkehrsmittelwahl eine Rolle spielen (Schröder & Wolf, 2018, Tab. 17.1, S. 209, Skala: min=1, max=6).
Tabelle zeigt, wie Menschen traditionelle und neue Verkehrsmittel nach verschiedenen Bedürfnissen bewerten.
Dabei ist zu sehen, dass das Verbrenner-Auto lediglich bei den Bedürfnissen nach niedrigen Kosten und Umweltfreundlichkeit vergleichsweise schlecht bewertet wird, bei allen anderen Dimensionen aber den Rang anführt. In der gleichen Studie wurden die Verkehrsmittel auch nach den Emotionen bewertet, die sie auslösen. Dabei zeigte sich, dass das klassische Auto als einziges sehr positiv, mächtig und aktiv wahrgenommen wird, was der Emotion Freude und kulturellen Idealen von Männlichkeit, Heldenhaftigkeit und freundschaftlichen Beziehungen entspricht (Schröder & Wolf, S. 210). Radfahren und Zufußgehen werden zwar ähnlich positiv wahrgenommen, es fehlt ihnen aber im Vergleich an Stärke und Aktivität, ebenfalls wichtige Dimensionen des emotionalen Erlebens.
Man sieht an diesen und vielen anderen Ergebnissen, dass das Auto als dominante Mobilitätstechnologie in unseren Städten kulturell tief in der Psyche vieler Menschen verankert ist. Vielleicht erklärt das, warum der Umbau der städtischen Mobilitätsinfrastruktur hin zu mehr Radverkehr, Busspuren und Elektro-Ladeeinrichtungen häufig so emotional und konfliktbehaftet ist.
Digitale Daten zum Mobilitätsverhalten
Sicher kennst Du die Navigationsfunktion von Google oder Apple Maps, TomTom oder ähnlichen Kartendiensten. Jedes Mal, wenn Du sie nutzt, erfahren diese Dienste umgekehrt etwas über Dein Mobilitätsverhalten. Auch viele Fahrzeuge registrieren heute Informationen über ihre Nutzung. Das bedeutet, zumindest in der Theorie existieren erheblich mehr an Daten über Mobilität als selbst in einer großen Studie wie Mobilität in Deutschland. Frei zugänglich sind diese Daten allerdings häufig nicht (für eine Ausnahme: siehe Kasten), auch wenn Unternehmen wie Google immer wieder Wissenschaftler:innen Datenzugänge einräumen, um z.B. die Veränderung von Mobilitätsmustern während der Corona-Pandemie zu untersuchen. Dies ist ein Beispiel für neuere Smart-City-Geschäftsmodelle (vgl. Kapitel 3): Unternehmen versuchen, mit solchen Daten kommerzielle Services für Städte anzubieten, um deren Verkehrsplanung und -steuerung zu verbessern.
Toll Collect: Daten zum Güterverkehr
Das Unternehmen Toll Collect erhebt für den Bund die LKW-Maut und verfügt daher über detaillierte Daten darüber, welche LKW wann welchen Streckenabschnitt auf deutschen Autobahnen befahren haben. Diese Daten werden in anonymisierter Form auf dem LKW-Verkehrsportal allen Interessierten als „Open Data“ zur Verfügung gestellt, um Forschung, Verkehrsplanung etc. zu unterstützen. Du kannst Dir auf dem Portal auch eine Visualisierung des LKW-Verkehrs an ausgewählten Tagen anschauen: https://company.toll-collect.de/de/produkte-loesungen/daten-geoinformationssysteme/lkw-verkehrsportal/
Literatur
Schröder, T. & Wolf, I. (2018). Psychologische Aspekte nachhaltiger Mobilität: Struktur und Dynamik von Einstellungen zu Mobilitätsinnovationen. In C. T. Schmitt & E. Bamberg (Hg.), Psychologie und Nachhaltigkeit. Konzeptionelle Grundlagen, Anwendungsbeispiele und Zu-kunftsperspektiven (S. 203-214).