Es handelt sich um ein Konzept von zentraler Bedeutung in der Nachhaltigkeitswissenschaft, das von Hardin (1968) im Kontext einer Debatte um Überbevölkerung und Armut als „Tragödie der Gemeingüter“ (tragedy of the commons) eingeführt wurde. Es erklärt, warum knappe Ressourcen, von deren Nutzung niemand ausgeschlossen ist, zur Übernutzung tendieren, das heißt über ihre natürliche Regenerationsfähigkeit hinaus verbraucht werden.
Mit dem Ressourcendilemma wird klassischerweise die Ausbeutung natürlicher Ressourcen wie öffentliches Weideland oder Fischbestände in Seen, Flüssen oder Meeren analysiert. Es ist aber auch ein sehr hilfreiches Modell, um viele der mit urbaner Mobilität verbundenen Nachhaltigkeitsprobleme zu verstehen.
Fotos zeigen zwei klassische Ressourcendilemmata: Rinder auf Weideland und Fischfang als Beispiel für Übernutzung. Quellen: Pexels / Matthias Zomer (linkes Bild), KI-generiert durch GPT-4o (rechtes Bild).
Klassische lokale und globale Beispiele für das Ressorcendilemma: Übernutzung von Weideland und Überfischung von Ozeanen. Auch der Klimwandel beruht letztlich auf einem Ressourcendilemma, nämlich der Übernutzung der CO2-Aufnahmekapazität der Erdatmosphäre.
Jede*r Einzelne erzielt einen unmittelbaren Nutzen aus zusätzlicher Nutzung der Ressource, während die Kosten bzw. Schäden auf alle verteilt werden:
Beispiele
Gemeinschaftsweiden (Allmenden): Jede zusätzliche Kuh bringt ihrem Halter Ertrag; die Beweidung schmälert jedoch die Grasqualität für alle; im extremen Fall kollabiert am Ende die Weide und niemand mehr kann sie nutzen.
Überfischung: Jeder zusätzliche Fang steigert den Ertrag des einzelnen Fischers. Doch der Bestand schrumpft, denn ohne wirksame Regeln und deren Überwachung werden Reproduktionsraten unterschritten, Populationen brechen ein.
Übertragen auf Städte sind Straßen- und Parkräume ebenfalls gemeinsame, rivalisierende Güter: frei (oder sehr günstig) zugänglich, aber kapazitativ begrenzt. Daraus folgen typische Übernutzungsphänomene:
Übernutzungsphänomene in Städten
Staus
Für die einzelne Fahrt erscheinen die privaten Kosten (Treibstoff, Zeit) tragbar; die zusätzliche Verzögerung, die man allen anderen auferlegt (Staukosten), wird nicht eingepreist. Ergebnis: Zu viele Fahrten zur gleichen Zeit.
Vollgeparkte Straßen
Wenn Parkplätze kostenlos oder günstig sind, steigt die Nachfrage über die Kapazität. Fahrzeuge blockieren knappen öffentlichen Raum, Suchverkehr verschärft Stau, Lärm und Emissionen. Der einzelne Parkende erhält den vollen Nutzen des günstigen Stellplatzes, die externen Kosten (Flächenknappheit, Sicherheitseinbußen, geringere Aufenthaltsqualität) tragen alle.
Emissionen
Wohnwertminderung durch Verkehrslärm oder Gesundheitsfolgen von verkehrsbedingten Luftschadstoffen sind ebenfalls Kosten, die nicht der oder die Verursacher*in trägt; global gilt das auch für die Folgekosten des Klimawandels.
Umgang mit dem Ressourcendilemma
Nachhaltigkeits-/Umweltpolitik besteht darin, Lösungen für den Umgang mit Ressourcendilemmata zu finden; also Anreize so umzugestalten, dass die einzelnen Akteure ein Verhalten wählen, das nicht mehr zur Übernutzung von Ressourcen führt. Typische Ansätze dafür sind:
Regulierung und Grenzwerte: Der Gesetzgeber legt erlaubte Höchstmengen für Emissionen fest. Z.B. regelt die EU-Verordnung über CO2-Flottenziele, dass PKW eines Herstellers derzeit (Stand: 2025) im Durchschnitt höchstens 95g CO2/km ausstoßen dürfen, was bis 2035 sukzessive auf 0g sinkt. Auch für lokale Luftschadstoffe gibt es solche Höchstwerte. Verstöße gegen diese Grenzwerte werden mit Bußgeldern und ggf. sogar Freiheitsstrafen (wie z.B. im Volkswagen-Dieselskandal) sanktioniert.
Pigou-Steuer (benannt nach dem Ökonomen Arthur Cecil Pigou): Der Staat erhebt eine Steuer auf ein Gut, das externe Effekte auslöst. Damit wird der Preis künstlich erhöht, so dass er auch die Nutzung natürlicher Ressourcen und der Infrastruktur zumindest teilweise abbildet. Ein Beispiel ist die Mineralölsteuer, die auf Kraftstoffe erhoben wird und einen erheblichen Anteil des Preises ausmacht. Der Nachteil dieser Lösung besteht darin, dass Steuern immer ein Ergebnis politischer Verhandlungen sind und daher eine gewisse Willkür haben und selten die tatsächlichen externen Kosten der genutzten Güter realistisch abbilden.
Daher gibt es den Handel mit Emissionszertifikaten (englisch: cap-and-trade-System): Die Idee ist, dass der Staat eine erlaubte Höchstmenge an Emissionen fest-setzt („cap“) und Hersteller oder Verbraucher Zertifikate erwerben und mit ihnen handeln („trade“) dürfen. Diese Lösung hat den Charme, dass sich der Preis für das externe Gut (z.B. CO2-Emission) am Markt durch das Handeln der Einzelnen herausbildet und daher sehr viel realistischer als bei einer Steuer den tatsächlichen Wert abbildet. Der Nachteil wiederum ist, dass ein solches System komplex, schwierig verständlich, und daher nicht einfach zu implementieren ist. Die EU hat ein solches System für CO2-Emissionen aufgebaut und wird es 2027 im Rahmen des „Green Deal“ auf den Verkehrssektor ausweiten in der Hoffnung, damit auch dort die Reduktionsziele zu erreichen (vgl. Lektion 4.2 und 10.2).
Ein weiterer Ansatz führt über soziale Normen und moralische Appelle: Menschen verhalten sich nicht nur egoistisch und eigennützig, sondern unter den richtigen Bedingungen auch sozial verantwortungsvoll. Standardisierte Labels auf Produkten, die über CO2-Emissionen, den ökologischen Fußabdruck oder das Tierwohl informieren, wollen erreichen, dass Menschen freiwillig z.B. zu teureren lokal produzierten Bio-Produkten greifen oder auf Flugreisen verzichten (wir vertiefen dies in Kapitel 10).
Literatur
Hardin, G. (1968). The tragedy of the commons. Science, 162, 1243-1248.