Kurs: Nachhaltige Städte | OnCourse UB

  • Lektion 1

    • Digitalisierung und Städte

      Smart City: mit digitaler Technologie urbane Probleme lösen

      Definition

      „Smart City“ bezeichnet die Idee, vernetzte Informationstechnologie für die Steuerung städtischer Funktionen zu nutzen. Sensoren erfassen permanent den Zustand urbaner Systeme und erzeugen große Datenmengen, die über das klassische Internet oder das neuere „Internet der Dinge“ (technische Geräte sind direkt miteinander vernetzt) ausgetauscht und als Grundlage für das Management städtischer Aufgaben oder für kommunalpolitische Entscheidungen dienen.

      Die digitale Transformation ist neben der Urbanisierung (siehe Kapitel 1) einer der großen Megatrends des 21. Jahrhunderts; der Begriff Smart City bezeichnet die Überschneidung und Wechselwirkung beider Entwicklungen. Dabei ist die Smart City nicht per se nachhaltig, aber vielen urbanen Nachhaltigkeitsproblemen versucht man, mit digitalen technischen Lösungen zu begegnen, wie Du an den folgenden Beispielen siehst:

       
    • Smart City: Umstrittene und auseinandergehende Visionen

      Es gibt in Wissenschaft und Politik bis heute keine einheitliche Definition einer Smart City, sondern der Begriff wird viel diskutiert, teilweise auch sehr kritisch (vgl. Hollands, 2008). Grob lassen sich im Smart-City-Diskurs drei verschiedene Perspektiven oder Visionen auf die digitale Stadt der Zukunft unterscheiden:

      1. Die Smart City der High-Tech-Industrie: Viele große Technologiekonzerne haben digitale Lösungen für das Stadtmanagement als Geschäftsfeld entdeckt und verkaufen sie als Produkte an die Verwaltungen und Regierungen von Städten. Ein bekanntes Beispiel ist das „City Brain“ der chinesischen Tech-Firma Alibaba, bei dem Videodaten aus der Verkehrsüberwachung in der Stadt Hangzhou von einem zentralen Großrechner (sog. Cloud-Computing) genutzt werden, um durch Ampelsteuerung und dynamisch angepasste Tempolimits den Verkehrsfluss zu optimieren, aber auch die Polizei bei Verkehrsunfällen zu unterstützen. Dies ist sozusagen die staatskapitalistische Vision der Smart City, bei der eine zentrale Stadtregierung von der Industrie technische Lösungen einkauft, um ihre Aufgaben zu erfüllen. Hierbei kann man kritisch ethische Fragen stellen (Datenschutz, flächendeckende Überwachung von Bürger*innen) und solche nach der wirtschaftlichen Anhängigkeit von Städten von der Industrie.
      2. Civic Hacking: Die gegenteilige Vision davon ist die aktivistische Smart City, in der Bürger*innen und zivilgesellschaftliche Organisationen „von unten“ sich frei oder sehr kostengünstig verfügbarer oder selbst entwickelter Hard- und Software bedienen, um lokale politische Ziele zu verfolgen (vgl. Townsend, 2013). Beispiele sind von Bürgerinitiativen aufgebaute Sensornetzwerke für die flächendeckende Überwachung von Luftschadstoffen oder Abstandssensoren für Fahrräder, mit denen man messen kann, ob überholende Autos den gesetzlich vorgeschriebenen Mindestabstand einhalten. Die damit erhobenen Daten werden genutzt, um politischen oder sogar juristischen Druck auf die Stadtverwaltung auszuüben, um diese zu gewünschten verkehrspolitischen Maßnahmen anzuhalten (z.B. Tempolimits, Fahrverbote, bessere Radverkehrsinfrastruktur). Hier stellen sich dann kritische Fragen nach der Legitimität solcher Akteure, der Verlässlichkeit und Qualität von zu aktivistischen Zwecken erhobenen Daten und auch der Wirksamkeit solcher Projekte.
      3. Die nachhaltigkeitsorientierte Smart City: In der europäischen Stadtentwicklungspolitik ist die Definition der Wiener Stadtwerke von 2011 einflussreich, die ein Smart City versteht als „eine Stadt, in der systematisch Informations- und Kommunikationstechnologien [...] eingesetzt werden, um den Weg hin zu einer postfossilen Gesellschaft zu beschreiten, den Verbrauch von Ressourcen zu verringern, die Lebensqualität der [Bürger*innen] und die Wettbewerbsfähigkeit der ansässigen Wirtschaft dauerhaft zu erhöhen“ (vgl. Loew & Rohde, 2015). Deutlich zu erkennen an dieser Definition ist, dass die Smart City den ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Nachhaltigkeitszielen bei der Stadtentwicklung untergeordnet wird. Wie wir in Lektion 3.4 sehen werden, ist diese Sichtweise zumindest in der deutschen Stadtpolitik vorherrschend, man kann aber auch kritisch einwenden, dass der Begriff Smart City eigentlich überflüssig ist, wenn man ihn mit der Definition einer nachhaltigen Stadt faktisch gleichsetzt.
    • Literatur

      Hollands, R. G. (2008). Will the real smart city please stand up? Intelligent, progressive, or entrepreneurial? City, 12(3), 303-320.

      Loew, T. & Rohde, F. (2015). Die Wiener Smart-City-Definition. Betrachtungen zu deren Verwendung. Working Paper. Berlin: Institute for Sustainability. https://www.4sustainability.de/wp-content/uploads/2021/06/Loew-Rohde_Wiener-Smart_City-Definition_Betrachtungen-zur-Verwendung2015.pdf

      Schwab, K. (2016). The fourth industrial revolution. Crown Currency.

      Townsend, A. (2013). Smart Cities: Big data, civic hackers, and the quest for a new utopia. New York: Norton.