Eine Siedlung auf dem Mars als Blaupause für nachhaltige Städte
Eine Stadt auf dem Mars zu errichten, ist nicht nur Stoff von Science Fiction, sondern Forschungsgegenstand in vielen Disziplinen mit erheblichen Investitionen durch private Unternehmen und öffentliche Einrichtungen. Was auch immer man von einer solchen Vision halten mag, sie bietet uns ein interessantes Gedankenexperiment, um das Konzept urbaner Nachhaltigkeit zu verstehen.
Wasser, Luft, Nahrungsmittel, Baustoffe und andere lebenswichtige Güter müssten in geschlossenen Kreisläufen immer wieder aufbereitet werden, damit eine Siedlung nahezu vollständig selbst versorgt ist – Nachschub von der Erde wäre nur schwer und selten möglich.
Ebenso wichtig ist die Frage, wie in der isolierten Gemeinschaft sozialer Zusammenhalt möglich ist: Eine stabile, kooperative und als gerecht erlebte Gesellschaftsstruktur ist die Voraussetzung dafür, psychische Belastungen durch die extreme Isolation auf dem Mars zu bewältigen und mit Konflikten konstruktiv umzugehen. Auch die planerische Gestaltung einer Marssiedlung sollte förderlich für Gesundheit und Lebensqualität sein.
Hohe Anpassungsfähigkeit und Resilienz wären erforderlich, um unvorhergesehene Probleme wie technische Ausfälle, Ressourcenengpässe oder soziale Auseinandersetzungen zu meistern. All dies setzt eine robuste technologische Infrastruktur voraus, von zuverlässigen Energie- und Lebenserhaltungssystemen bis hin zu sicheren Habitaten, die Schutz vor Strahlung und dünner Atmosphäre bieten – durchaus vergleichbar den Anforderungen an zukünftige Städte, mit extremen klimatischen Ereignissen und anderen Krisen umzugehen.
Also ...
Was auf dem Mars unmittelbar überlebenswichtig wäre, ist somit durchaus vergleichbar mit den eher langfristigen Herausforderungen an nachhaltige Städte auf der Erde, auch wenn wir im Alltag die Bedeutung von funktionierenden Kreislaufsystemen, sozialem Zusammenhalt und robusten, anpassungsfähigen Systemen weniger deutlich wahrnehmen.
Illustration der hypothetischen Stadt Aleph auf dem Mars (Hollander, 2023). Foto von Bert Diker und Justin Hollander, Quelle: Hollander (2022, S. 222, Abb. 11.12)
Justin Hollander ist ein Stadtplaner, der sich intensiv mit der Forschung und verschiedenen Ideen zur Besiedlung des Mars auseinandergesetzt hat. Aufbauend auf einer Art „Best Of“ der Jahrtausende alten Praxis und wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Städtebau auf der Erde entwickelte er Pläne für eine hypothetische neu zu bauende Stadt „Aleph“ auf dem Mars (Hollander, 2022). Seine Auseinandersetzung mit verschiedenen Aspekten und Problembereichen bei der Planung einer solchen Siedlung kann man als eine Art Blaupause für die verschiedenen Herausforderungen urbaner Nachhaltigkeit verstehen.
Illustration eines Stadtparks in der fiktiven Marssiedlung Aleph (Hollander, 2022). Foto von Bert Diker und Justin Hollander, Quelle: Hollander (2022, S. 225, Abb. 11.17).
Das Konzept sieht vor, in der Stadt eine möglichst menschenfreundliche ökologische Umgebung auf einem ansonsten sehr lebensfeindlichen Planeten zu schaffen. Auch im Diskurs um nachhaltige Städte auf der Erde spielt die Begrünung des urbanen Raumes eine zentrale Rolle, sowohl zur besseren Widerstandsfähigkeit der Städte gegen Hitze, Starkregen und Stürme, als auch wegen der positiven Effekte von Grünräumen für Gesundheit und Lebensqualität.
Aspekte urbaner Nachhaltigkeit bei der Marsbesiedelung
Vielleicht könnte man sagen: was unter den extremen ökologischen Bedingungen auf dem Mars funktionieren würde, kann für Städte auf der Erde nicht verkehrt sein! Schau dir nach dieser Logik die folgenden Überlegungen für Aleph, die Stadt auf dem Mars, an. Sie geben dir einen Eindruck von vielen wichtigen Themen im Diskurs über nachhaltige Städte.
All diese Themen werden wir in den nachfolgenden Lektionen dieses Kurses vertiefen, natürlich bezogen auf die existierenden (und mögliche neue) Städte hier auf der Erde. In den weiteren Lektionen dieses Kapitels wollen wir aber zunächst das Konzept urbaner Nachhaltigkeit aus wissenschaftlicher, politischer und praktischer Sicht noch genauer verstehen.