Kurs: Nachhaltige Städte | OnCourse UB

  • Lektion 3

    • Urbanisierung und Wohlstand

    • Urbanisierte Gesellschaften sind reicher

      Empirische Daten aus der Geschichte zeigen einen sehr eindeutigen Zusammenhang  zwischen dem Ausmaß der Urbanisierung und dem Niveau an wirtschaftlichem Wohlstand von Gesellschaften. In der nachfolgenden interaktiven Grafik kannst Du nachvollziehen, wie sich Verstädterung und wirtschaftliche Entwicklung in vielen Ländern über die Zeit entwickelt haben. Meistens gehen beide Variablen in die gleiche Richtung, auch wenn es ein paar Gegenbeispiele gibt.

      Beispiel

      Schau dir zum Beispiel an, wie China sich in den vergangenen Jahrzehnten schnell urbanisiert hat und in der gleichen Zeit erheblich wohlhabender geworden ist. Venezuela hingegen widersetzt sich dem Trend: obwohl eines der am stärksten urbanisierten Länder, hat dort der Wohlstand eher abgenommen, was mit besonderen politischen Umständen dort zu tun hat.

      Das zeigt: Es ist kein Naturgesetz, dass Urbanisierung und Wohlstand sich stets und überall in die gleiche Richtung entwickeln. Auch ein wirtschaftlicher Niedergang städtischer Regionen kommt hin und wieder vor, wie zum Beispiel die Stadt Detroit in den USA oder das Ruhrgebiet in Deutschland zeigen – beides Regionen, die mit einem Transformationsprozess bedingt durch den Bedeutungsverlust klassischer Industrie zu tun haben. Trotzdem sprechen die Daten insgesamt eine sehr eindeutige Sprache: je reicher eine Gesellschaft ist desto größer ist in der Regel der Bevölkerungsanteil, der in Städten lebt, und umgekehrt.

    • Die Grafik stammt von der Website Our World in Data, die eine sehr gute, wissenschaftlich geprüfte Quelle für viele Daten ist, die mit nachhaltiger Entwicklung zu tun haben. Der Aufsatz über Urbanisierung ist als freiwillige vertiefende Lektüre zu diesem Kapitel sehr empfehlenswert. 

      Wenn man solche Zusammenhänge zwischen Variablen beschreibt, ist oft unklar, warum sie bestehen. Korrelation ist nicht gleichbedeutend mit Kausalität. Wir können hier plausibler-weise annehmen, dass sich beide Variablen wechselseitig bedingen:

      • Wohlstand ist nötig, damit es Städte überhaupt geben kann. Eine Gesellschaft muss erstmal genügend erwirtschaften, um städtische Infrastruktur wie Verkehrswege, Wasserleitungen, Elektrizitätsversorgung, Kathedralen und Opernhäuser finanzieren zu können.
      • Städte befördern aber auch zukünftigen Wohlstand, denn durch ihre räumliche und soziale Dichte ermöglichen sie Spezialisierung und Arbeitsteilung, Infrastruktur kann geteilt werden, Ideen können schneller und leichter fließen und Innovationen hervorbringen. Diesen Aspekt werden wir im folgenden Abschnitt vertiefen.

    • Ressourcenverbrauch und Urbanisierung

      Innovation, Technologie, Infrastruktur – das alles erfordert natürliche Ressourcen. Für die Frage nach nachhaltigen Städten ist das höchst relevant, denn der höhere Ressourcenverbrauch städtischen Lebens ist die Kehrseite der wirtschaftlichen Vorteile der Urbanisierung. Auch Bewohner*innen von Städten benötigen Nahrungsmittel, die irgendwo wachsen müssen. Für den Bau von Straßen, Schienen, Kanalisation, Krankenhäusern, Schulen und Wohngebäuden werden Zement, Steine, Metall, Holz und andere Rohstoffe benötigt. Transportwege zu bewältigen erfordert Energie, die in Kraftwerken oder das lokale Verbrennen fossiler Stoffe bereitgestellt werden muss.

      Vertiefung

      Wir werden viele dieser Aspekte im Kursverlauf noch vertieft diskutieren; einstweilen ist aber abstrakt das Konzept des „ökologischen Fußabdrucks“ hilfreich. Die Vorstellung dahinter ist, dass man die verschiedenen Ressourcenbedarfe umrechnen kann in die Fläche, die für jeden Menschen benötigt wird, um diese Ressourcen bereitzustellen. Im Internet findest Du viele Rechner, mit denen Du Deinen eigenen Fußabdruck spielerisch ermitteln kannst, z.B. hier: https://www.wwf.de/themen-projekte/klimaschutz/wwf-klimarechner.

      Wenn man auf diese Weise den Ressourcenverbrauch mit Urbanisierung in Verbindung setzt, wie es der WBGU (2016) in seinem schon erwähnten Gutachten in Beziehung setzt, so stößt man auf ein Paradox, das in der nachfolgenden Grafik erkennbar ist, welche Urbanisierungsgrad, Wohlstand (gemessen anhand des Human Development Index, der verschiedene materielle und immaterielle Aspekte zusammenfasst) und ökologischen Fußabdruck in Beziehung setzt.

    • Streudiagramm zeigt: Höherer HDI geht mit größerem ökologischem Fußabdruck einher; stärker urbanisierte Länder liegen oben.
      Streudiagramm zeigt: Höherer HDI geht mit größerem ökologischem Fußabdruck einher; stärker urbanisierte Länder liegen oben. Quelle: WBGU (2016).

    • Obwohl städtisches Leben ja wegen der baulichen und sozialen Dichte eigentlich bedeutet, dass viel mehr Menschen sich viel weniger Fläche teilen, ist der Flächenbedarf für die Erzeugung der benötigten Ressourcen in urbanisierten Gesellschaften erheblich höher als in ländlichen!

      Anders ausgedrückt, ...

      verliert der ländliche Raum zwar als Lebensraum von Menschen seine Bedeutung, ist aber immer wichtiger, um die materiellen Voraussetzungen zur Verfügung zu stellen, die für das städtische Leben die Grundlage sind.

      Urbanisierung bedeutet eben nicht, dass Land und Natur unwichtiger geworden sind, sondern es handelt sich um eine dynamische Wechselbeziehung mit vielen Abhängigkeiten von Stadt und Land. Der natürliche Ressourcenverbrauch, die wirtschaftliche Entwicklung von Gesellschaften und der „Umzug der Menschheit“ (WBGU, 2016) in die Stadt sind untrennbar miteinander verwoben!

    • Literatur

      Bettencourt, L.M.A., Lobo, J., Helbing, D., & West, G.B. (2007). Growth, innovation, scaling, and the pace of life in cities. Proceedings of the National Academy of Sciences of the U.S.A, 104(17), 7301-7306.

      WBGU (2016). Der Umzug der Menschheit. Die transformative Kraft der Städte. Hauptgutachten 2016. Wissenschaftlicher Beirat Globale Umweltveränderungen der Bundesregierung. Verfügbar unter wbgu.de.