Kurs: Nachhaltige Städte | OnCourse UB

  • Lektion 2

    • Soziales Leben in Städten

    • Man kann die Veränderung des sozialen Lebens durch Urbanisierung so auf den Punkt bringen, dass Menschen nicht mehr in Schicksalsgemeinschaften leben, wo alles auf das Wohl der Gruppe ausgerichtet ist, in die man nun mal zufällig hineingeboren wurde. Stattdessen begünstigen Städte ein Leben in selbst ausgewählten Gemeinschaften mit der Erwartung, dass das soziale Leben den eigenen Bedürfnissen dienen möge. Wenn man im 21. Jahrhundert in Westeuropa lebt, erscheint einem das alles andere als ungewöhnlich, aber für die Spezies Homo Sapiens ist dies eine ziemlich neue und recht unerprobte Lebensform.

    • Urbanisierung ist Individualisierung

      Leben in der Stadt bedeutet mehr als nur bauliche Dichte – es verändert auch, wie wir miteinander umgehen. In kleinen, überschaubaren Gemeinschaften prägt häufig ein kollektives Selbstverständnis das soziale Leben: Man kennt einander, hilft sich gegenseitig und orientiert sich an gemeinsamen Normen. In Städten hingegen dominiert oft ein stärker individualistisch geprägter Lebensstil – Menschen wählen ihre Kontakte selbst, verfolgen eigene Lebensentwürfe und leben nebeneinander statt miteinander. Dieser Wandel ist eine Anpassung an die soziale Komplexität urbaner Räume: Inmitten von Millionen fremder Menschen braucht es neue Formen der Koordination, des Vertrauens und der Identitätsbildung.

      Die folgende Grafik aus einer Studie von Grossmann und Varnum (2015) beschreibt diesen Wandel vom Kollektivismus zum Individualismus in den vergangenen etwa 150 Jahren. Die Daten beziehen sich auf die Vereinigten Staaten von Amerika, in welchen in diesem Zeitraum die Urbanisierung stark vorangeschritten ist. Man kann den Trend einerseits an einer Reihe von soziodemografischen Fakten ablesen wie zum Beispiel stetig keiner werdenden Familien und einem immer größeren Anteil an Ein-Personen-Haushalten (auch in einer deutschen Großstadt wie Berlin sind heute die meisten Haushalte Single-Haushalte: https://www.statistik-berlin-brandenburg.de/a-i-17-j).

      Interessant ...

      sind aber auch symbolische Aspekte: Bei der Namenswahl von neu geborenen Kindern sind die Eltern immer stärker darauf bedacht, durch einen besonders seltenen Namen die Einzigartigkeit und Besonderheit ihres Kindes zu betonen; und Bücher thematisieren immer stärker die individuelle Selbstentfaltung und immer weniger Themen wie die Pflichten gegenüber der Gemeinschaft.

    • Abbildung 1: Interpersonale Trends in den USA
        
      Sechs Liniendiagramme zeigen US-Trends: kleinere Familien, mehr Alleinleben, mehr Einzelkinder, weniger Mehrgenhaushalte.
      Sechs Liniendiagramme zeigen US-Trends: kleinere Familien, mehr Alleinleben, mehr Einzelkinder, weniger Mehrgenhaushalte. Quelle: Grossmann, I., & Varnum, M. E. (2015). Social structure, infectious diseases, disasters, secularism, and cultural change in America. Psychological Science, 26(3), 311-324.
       
      Abbildung 2: Häufigkeit individualistischer und kollektivistischer Wörter in den USA
        
      Vier Liniendiagramme zeigen US-Trends: mehr individualistische Wörter, weniger kollektivistische, mehr einzigartige Namen.
      Vier Liniendiagramme zeigen US-Trends: mehr individualistische Wörter, weniger kollektivistische, mehr einzigartige Namen. Quelle: Grossmann, I., & Varnum, M. E. (2015). Social structure, infectious diseases, disasters, secularism, and cultural change in America. Psychological Science, 26(3), 311-324.
       
    • Die Struktur sozialer Beziehungen in Städten

      Nicht nur an den vorherrschenden gesellschaftlichen Werten, sondern auch an der Beschaffenheit sozialer Netzwerke lässt sich der Wandel des sozialen Lebens durch Urbanisierung ablesen. Ein vom Individualismus geprägtes Leben in der Stadt prägt, ist dabei nicht etwa gleichbedeutend mit Vereinsamung oder dem Verlust sozialer Beziehungen. Deren Struktur ist aber grundlegend verschieden von jener in traditionellen ländlichen Gemeinschaften.

      Soziale Netzwerkanalyse

      Die soziale Netzwerkanalyse untersucht, wie Menschen durch Beziehungen miteinander verbunden sind – wer mit wem in welcher Form in Kontakt steht. Klassische Studien wie die im Text erwähnte von Claude Fischer arbeiteten mit Interviews zu egozentrierten Netzwerken: Befragte nennen ihre wichtigsten Kontakte und beschreiben Nähe, Häufigkeit oder Art der Beziehung. Seit etwa 2010 nutzen Sozialwissenschaftler*innen auch vermehrt digitale Spuren – etwa aus Mobilfunk- oder Social-Media-Daten – um reale Kommunikationsnetzwerke in Städten zu analysieren. Diese technische Innovation erlaubt die Auswertung von Millionen von Interaktionen, zeigt großflächige Muster und liefert damit neue Einsichten in die Struktur sozialer Beziehungen.

    • In der klassischen soziologischen Studie „To Dwell Among Friends“ verglich Fischer (1982) die egozentrierten Netzwerke von Bewohner*innen kleiner, mittlerer und großer kalifornischer Städte. Sein Ergebnis: In Großstädten sind Netzwerke weniger überlappend, dafür spezialisierter – also stärker nach Lebensbereichen differenziert. Während in Kleinstädten dieselbe Person gleichzeitig Nachbar*in, Kolleg*in und Vereinsmitglied sein kann, trennen sich diese Rollen in der Großstadt, wie die nachstehende Grafik schematisch veranschaulicht. Zudem wählen Stadtbewohner*innen ihre Kontakte häufiger nach persönlichen Interessen und Sympathie und nicht aus reiner räumlicher Nähe oder Verfügbarkeit. Die Folge ist, dass sich keine zwei Menschen in der Stadt völlig gleichen, denn jeder und jede lebt tatsächlich in einer auf gewisse Art einzigartigen Konfiguration von sozialen Beziehungen.

    • Zwei Netzwerkdiagramme zeigen: Kleinstadt-Netzwerke sind stark überlappend, Großstadt-Netzwerke stärker getrennt nach Rollen.
      Vereinfachte Darstellung von sozialen Netzwerken und Rollen in urbanen (links) und traditionellen (rechts) Gesellschaften. Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Walker, M.H., & Lynn, F.B. (2013). The embedded self: A social networks approach to identity theory. Social Psychology Quarterly, 76, 151-179.

    • Viele neuere empirische Studien aus der computergestützten Sozialwissenschaft bestätigen und erweitern diese Sichtweise. Durch die Analyse digitaler Massendaten aus Mobilfunk (wer ruft wen wie oft an?) und digitalen sozialen Plattformen (wer schickt wem wie oft eine Chatnachricht?) konnten Forschende zeigen, dass soziale Interaktionen in Städten „superlinear“ mit der Stadtgröße skalieren – das bedeutet, dass eine Verdoppelung der Stadtbevölkerung zu mehr als doppelt so vielen sozialen Kontakten führt (Schläpfer et al., 2014). Urbanisierung befördert also sogar die Häufigkeit und Intensität menschlicher Kommunikation! Dabei zeigt sich: Die Zahl der oberflächlichen, gelegentlichen Beziehungen wächst stark, die Zahl der engen Freundschaften dagegen nur leicht.

      Zudem bilden sich in Städten häufig soziale Gemeinschaften, die weniger durch Zufall und räumliche Nähe entstehen und mehr durch „Homophilie“ – also durch das bewusste Suchen nach Ähnlichkeit in Interessen, Lebensstil, Wertvorstellungen, Bildungsniveau oder Beruf (Herrera-Yaguë et al., 2015). Großstädte erlauben also eine neue Form von Sozialleben, das stark individuell ausdifferenziert ist und verteilt über das gesamte Stadtgebiet. Urbanisierung mit der damit einhergehenden kulturellen Individualisierung bedeutet somit nicht das Ende von Gemeinschaft, wohl aber ihren Wandel in Struktur und Logik hin zu mehr Fragmentierung und Differenzierung.

    • Literatur

      Fischer, C. S. (1982). To dwell among friends: Personal networks in town and city. University of Chicago Press.

      Grossmann, I., & Varnum, M. E. (2015). Social structure, infectious diseases, disasters, secularism, and cultural change in America. Psychological Science, 26(3), 311-324.

      Herrera-Yagüe, C., Schneider, C., Couronné, T. et al. (2015). The anatomy of urban social networks and its implications in the searchability problem. Scientific Reports, 5, 10265. https://doi.org/10.1038/srep10265

      Schläpfer, M., Bettencourt, L. M., Grauwin, S., Raschke, M., Claxton, R., Smoreda, Z., West, G. B., & Ratti, C. (2014). The scaling of human interactions with city size. Journal of the Royal Society, Interface, 11(98), 20130789. https://doi.org/10.1098/rsif.2013.0789

      Walker, M.H., & Lynn, F.B. (2013). The embedded self: A social networks approach to identity theory. Social Psychology Quarterly, 76, 151-179.