Nachhaltige Städte
Kurs: Nachhaltige Städte | OnCourse UB
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Der Umzug der Menschheit
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Was ist Urbanisierung?
Urbanisierung bezeichnet den Prozess, als Folge dessen ein wachsender Anteil der globalen Bevölkerung in Städten lebt. Dies geschieht durch das Wachstum bestehender Städte (relativ zu dörflichen Siedlungsformen), durch Migration vom Land in die Stadt und durch die Umwandlung ländlicher Gebiete in städtische Siedlungsformen. Wir werden in diesem Kurs noch sehen, dass Urbanisierung eng verbunden ist mit der Entwicklung von wirtschaftlichem Wohlstand, aber auch mit den damit einhergehenden Umweltproblemen. Auf den verschiedenen Kontinenten ist die Urbanisierung bisher unterschiedlich weit vorangeschritten: Während Europa und Amerika bereits nahezu vollständig urbanisiert sind, ist die Entwicklung in Asien und Afrika noch in vollem Gange.
Entwicklung der urbanen Bevölkerung und des Urbanisierungsgrades nach Kontinenten (1950-2050).
Quelle: Eigene Darstellung nach WBGU (2016). -
Der Wissenschaftliche Beirat Globale Umweltveränderungen (WBGU) spricht in seinem Hauptgutachten 2016 vom „Umzug der Menschheit“: Seit etwa 2007 lebt mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten – ein historischer Wendepunkt. Prognosen der UN gehen davon aus, dass dieser Anteil bis 2050 auf rund 70 % steigen wird. Am Ende des 21. Jahrhunderts wird voraussichtlich praktisch die gesamte Menschheit in Städten leben. Damit ist Urbanisierung einer der zentralen aktuellen globalen Megatrends, dessen Bedeutung nicht überschätzt werden kann, auch wenn er im öffentlichen Diskurs viel weniger thematisiert wird als andere Entwicklungen wie die Digitalisierung oder der Klimawandel.
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Der WBGU
Der Wissenschaftliche Beirat Globale Umweltveränderungen ist ein wichtiges Beratungsgremium, welches die Bundesregierung bei der Ausrichtung ihrer globalen Umweltpolitik unterstützt. Alle zwei bis drei Jahre gibt der WBGU ein so genanntes Hauptgutachten heraus, in welchem der wissenschaftliche und politische Sachstand zu einem wesentlichen Umweltproblem herausgearbeitet wird. Das Hauptgutachten 2016 befasst sich mit Urbanisierung. Da es kein etabliertes deutschsprachiges Lehrbuch für Nachhaltige Städte gibt, werden wir uns in diesem Kurs vor allem auf das kostenlos verfügbare WBGU-Gutachten stützen (siehe Download).
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Was ist überhaupt eine Stadt?
Die Definition von "Stadt" ist nicht einheitlich – je nach Land und Forschungskontext kommen unterschiedliche Kriterien zur Anwendung. Es liegen auch nicht in allen Ländern auf der Welt genaue Daten über Geburten, Sterbefälle und Migrationsbewegungen vor. Deswegen können sich im Detail die Angaben über Urbanisierungsraten zwischen verschiedenen Studien erheblich unterscheiden und man muss die jeweilige Datenbasis immer im Blick behalten. Folgende Stadtdefinitionen kommen häufig vor:
- Politisch-administrativ: Städte sind eigenständige Verwaltungseinheiten mit bestimmten Rechten (z. B. Stadtrecht, eigene Verwaltung).
- Funktional: Städte sind Orte mit einer zentralörtlichen Funktion – z. B. Arbeitsplatz-, Bildungs- oder Versorgungsschwerpunkte für ihr Umland.
- Morphologisch: Städte zeichnen sich durch bauliche Dichte, ein enges Verkehrswegenetz und eine geschlossene Siedlungsstruktur aus.
- Statistisch/demographisch: In internationalen Vergleichen wird häufig ein Schwellenwert von 2.000 bis 5.000 Einwohner*innen (EW) als untere Grenze verwendet. In Deutschland spricht man zwischen 5.000 und 20.000 EW von Kleinstädten, zwischen 20.000 und 100.000 EW von Mittelstädten und darüber hinaus von Großstädten.
Je nachdem, welche dieser Definitionen man anlegt, kommt man auch zu widersprüchlichen Einschätzungen, gerade weil die politisch-administrativen Grenzen häufig eher historischen Machtverhältnissen oder sogar Zufällen geschuldet sind.
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Vertiefung
So geht zum Beispiel die heutige Stadt- und Landesgrenze zwischen Berlin und Brandenburg auf mehrere Jahrzehnte währende Diskussionen über die Vereinigung zahlreicher kleinerer Städte und Gemeinden hervor, welche im Groß-Berlin-Gesetz von 1920 mündete (Bodenschatz, Goebel & Gräwe, 2020). Aus einer funktionalen Sicht ergibt diese Grenze aber wenig Sinn, sondern die umliegenden brandenburgischen Klein- und Mittelstädte (z.B. Teltow, Erkner oder Oranienburg), die heute zu den am stärksten wachsenden Städten in Deutschland gehören, sind eigentlich bezüglich Siedlungsstruktur und Mobilitätsverhalten als Teil der Metropole anzusehen. Der Metropolraum Berlin ist sowieso ein interessantes deutsches Beispiel für das Phänomen Urbanisierung, weil wir in dem gleichen Maße, in dem Berlin und die unmittelbar anschließenden Städte wachsen, eine Schrumpfung von peripheren Klein- und Mittelstädten in Brandenburg beobachten können, teilweise sogar trotz guter Verkehrsanbindung. Mögliche Gründe dafür werden wir in den nächsten beiden Lektionen erörtern.
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Verteilung von Stadtgrößen
Bei Urbanisierung denken wir oft an Städte wie Berlin, New York oder sogar Megacities wie Tokio oder Mexiko Stadt mit vielen Millionen Einwohnern. Das wird dem Phänomen aber nicht ganz gerecht, denn die meisten Menschen leben in kleineren Städten, welche trotzdem über alle Besonderheiten urbanen Lebens verfügen, die wir in diesem Kurs behandeln. Batty (2018, S. 35) konnte sogar anhand einer empirischen Analyse der Einwohnerzahlen von zehntausenden Städten aus einem Datensatz der Gemeinsamen Forschungsstelle der Europäischen Kommission zeigen, dass deren Größenverteilung einem mathematischen Potenzgesetz folgt (sog. Zipf-Verteilung). Das bedeutet, dass die Zahl der Städte einer bestimmten Größenklasse umgekehrt proportional zu ihrer jeweiligen Einwohnerzahl ist.
Anders ausgedrückt:
Es gibt nur sehr wenige Großstädte und Metropolen, aber sehr viele Kleinstädte.
Trotzdem ist ein Teilaspekt der Urbanisierung, dass sowohl die Zahl der größeren Städte zunimmt als auch der Anteil der Einwohner*innen, welche in größeren Städten zunehmen (siehe Grafik). Um noch mal auf das Beispiel der Region Berlin-Brandenburg zurückzukommen, hier gehen Prognosen davon aus, dass bis 2040 die Bevölkerung Berlins sowie der Berlin-nahen Kleinstädte weiter ansteigt, während die Bevölkerung Brandenburgs insbesondere in den peripheren kleineren Städten zurückgeht (Zika et al., 2022).
Drei Kreisdiagramme zeigen von 1950 bis 2030 den Trend sinkender Anteile kleiner Städte und wachsender Anteile großer Städte. Quelle: WBGU, 2016. -
Literatur
Batty, M. (2018). Inventing Future Cities. MIT Press.
WBGU (2016). Der Umzug der Menschheit. Die transformative Kraft der Städte. Hauptgutachten 2016. Wissenschaftlicher Beirat Globale Umweltveränderungen der Bundesregierung. Verfügbar unter wbgu.de
Zika, G., Bernardt, F., Hummel, M., Kalinowski, M., Maier, T., Mönnig, A., ... & Wolter, M. I. (2022). Auswirkung des Strukturwandels für die Bundesländer in der langen Frist-Qualifikations-und Berufsprojektion bis 2040 (No. 22/2022). IAB-Forschungsbericht.
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