Kurs: Nachhaltige Städte | OnCourse UB

  • Lektion 4

    • Fallstudie Citizens Foundation Island

      Die Citizens Foundation (etwa: Bürgerstiftung) ist eine unabhängige, gemeinnützige Organisation aus Island, die sich auf digitale Beteiligung spezialisiert hat. Ihr Ziel ist es, Bürgerinnen und Bürger systematisch und wirksam in politische Entscheidungsprozesse auf kommunaler und nationaler Ebene einzubinden.

      Sie tut dies vor allem durch die Entwicklung von Software, welche dazu geeignet ist, Vorschläge einzureichen, zu diskutieren, zu priorisieren und zu bewerten. Diese Art von Softwareentwicklung, die ein gutes Beispiel für einen „bottom-up“ Smart-City-Ansatz darstellt (vgl. Kapitel 3) folgt den Grundsätzen der Open-Source-Softwareentwicklung (der Quell-code ist frei verfügbar und darf von anderen benutzt und weiter entwickelt werden) und wird auch als „Civic-Tech-Ansatz“ bezeichnet.

      Screenshot der Website "citizen.is" mit Überblick zu einigen Funktionen.
      Screenshot der Website „citizen.is“ mit Überblick zu einigen Funktionen.

      Die Stiftung ist seit mehr als 15 Jahren aktiv und hat mehrere bekannte Plattformen entwickelt, wobei es nicht um die Technologie geht, sondern auch um die Beratung der jeweiligen Kommunen oder Staats- bzw. nationalen Regierungen bei der organisatorischen Einbettung der digitalen Beteiligung in die jeweiligen politischen Entscheidungsprozesse:

      • Better Reykjavík: Online-Plattform für kontinuierliche Bürgerbeteiligung in der Stadt Reykjavík. Vorschläge aus der Bevölkerung werden dort diskutiert und können direkt in politische Entscheidungsprozesse einfließen.
      • Better Iceland: Nationale Beteiligungsplattform, u. a. genutzt im Kontext der isländischen Verfassungsreform nach der Finanz- und Bankenkrise 2008, welche aufgrund des Zusammenbruchs des wirtschaftlich sehr bedeutsamen Bankensystems seinerzeit erhebliche politische Folgen auch für das politische System in Island hatte.
      • Die Software der Citizens Foundation wird mittlerweile in vielen Ländern genutzt. Die Organisation versteht sich als Teil einer globalen Civic-Tech-Bewegung, die digitale Demokratie-Innovationen skalierbar machen will.

      Im Unterschied zu klassischen Online-Petitionen oder Umfragen legt die Citizens Foundation Wert auf die Stärkung deliberativer Demokratie (etwa: Unterstützung qualitätvoller Diskussion statt reiner Meinungsabfrage und -gewichtung):

      • Argumente „pro und contra“ werden mit gleichem Gewicht sichtbar gemacht
      • Beiträge können vergleichend bewertet werden
      • Konsens- und Prioritätenbildung wird unterstützt

      Ziel ist, Lautstärke und Polarisierung zu vermeiden, sondern die Qualität kollektiver Entscheidungsfindung zu erhöhen und dabei Zielkonflikte und verschiedene Perspektiven sichtbar zu machen.

      Schau Dir im folgenden Video ein Gespräch mit Róbert Bjarnason, Tech-Unternehmer und Präsident der Citizens Foundation an:

    • Robert erwähnt in dem Interview auch Policy Synth – dabei handelt es sich um eine Weiterentwicklung der von der Citizens Foundation etablierten Beteiligungsplattformen. Menschliche kollektive Intelligenz wird mit KI-gestützter Analyse verknüpft, um deliberative Prozesse auch mit sehr vielen Beteiligten schnell und wirksam möglich zu machen durch. Das Tool soll automatisiert dabei unterstützten, schriftliche Beiträge aus Bürgerbeteiligung systematisch zu strukturieren, zu priorisieren und in umsetzbare Policy-Vorschläge zu überführen, ohne menschliche Urteilskraft zu ersetzen (Bjarnason et al., 2024).

    • Literatur

      Bjarnason, R., Gambrell, D. & Lanthier-Welch, J. (2024). Using artificial intelligence to ac-celerate collective intelligence: Policy Synth and smarter crowdsourcing. https://doi.org/10.48550/arXiv.2407.13960