Bisher ging es vor allem um die Möglichkeiten und die Bedingungen der Entwicklung von Innovationen. Die andere Seite der Medaille ist, wie neue Produkte, soziale Praktiken und Ideen die Gesellschaft nach und nach durchdringen, bis sie irgendwann die Norm darstellen. Elektroautos sind ein gutes Beispiel dafür, sich diesen Prozess zu vergegenwärtigen. Noch vor zehn Jahren hat fast niemand eines gekauft außer ein paar hartgesottenen „Überzeugungstäter*innen“, die entweder eine ökologische Mission verspürten oder Faszination für eine neue Technologie. In der Breite wurden aber eher die Nachteile skeptisch diskutiert wie die damals geringe Reichweite der Batterien oder die praktischen Schwierigkeiten, diese überhaupt aufzuladen. Heute hingegen dominieren zwar immer noch Verbrenner auf den Straßen, Elektromobilität ist aus dem Stadtbild aber nicht mehr wegzudenken und in vielen Städten etwa in China oder Norwegen überwiegen sogar schon die Batteriefahrzeuge (siehe Kapitel 5). Wie sind wir von dem einen Zustand zu dem anderen gekommen?
Sozialer Einfluss
Die einflussreiche Diffusionstheorie von Everett Rogers (2003) beschreibt, wie sich Innovationen in der Gesellschaft als eine Art Imitationsprozess in sozialen Netzwerken ausbreiten (mit sozialen Netzwerken sind in diesem Kontext die Kommunikationsbeziehungen zwischen Menschen gemeint und nicht digitale Plattformen wie LinkedIn oder Instagram). Die Menschen in unserem direkten Umfeld sind für uns eine wichtige Informationsquelle. Außerdem spüren alle Menschen einen gewissen Druck, sich den sozialen Normen zu unterwerfen, die in Familie und Freundeskreis, am Arbeitsplatz oder in der Nachbarschaft und sicherlich auch zunehmend auf den digitalen Plattformen verbreitet sind. Wenn immer mehr Nachbarn, Freundinnen oder Kollegen sich ein Elektroauto anschaffen, kommt man erstens selber auch auf die Idee, man traut zweitens der Innovation mehr („wenn so viele andere es tun, kann es ja nicht verkehrt sein“), und drittens möchte man nicht für altmodisch oder ökologisch verantwortungslos gehalten werden, indem man doch noch mal einen Diesel kauft.
In der folgenden Grafik siehst du, wie sich durch diesen lokalen Imitationsmechanismus eine Innovation immer weiter ausbreitet, also durch das soziale Netzwerk „diffundiert“. Eine wichtige Rolle spielen dabei die sozialen Milieus, die wir in Kapitel 7 kennen gelernt haben. Die Netzwerke urbaner Gesellschaften sind in Form relativ homogener Cluster organisiert, innerhalb derer Variablen wie das Einkommen, der Bildungsstand, aber auch kultureller Geschmack und politische Wertvorstellungen relativ ähnlich sind. Gemäß dem Sprichwort „gleich und gleich gesellt sich gern“ nennt man das: Homophilie (McPherson et al., 2001).
Schematische Darstellung von vier vernetzten Nutzergruppen mit unterschiedlichen Fahrzeugtypen. Quelle: Eigene Darstellung.
Damit eine Innovation sich erfolgreich in der ganzen Gesellschaft ausbreitet und nicht nur eine (ggf. vorübergehende) Mode in einem bestimmten Milieu bleibt, sind die „Brücken“ zwischen verschiedenen Netzwerkclustern entscheidend (z.B. der Kontakt zwischen dem „grünen“ und dem „gelben“ Milieu in der Grafik). In der Soziologie spricht man deswegen auch von der „Stärke der schwachen Verbindungen“, weil gerade die flüchtigen Kontakte außerhalb unserer engen Familien-, Freundes- und Arbeitsbeziehungen einen so wichtigen Einfluss auf Informations- und Innovationsverbreitung in der Gesellschaft haben (Granovetter, 1973; Onnela et al., 2007).
Von Innovationen und Viren
Denk mal zurück an das Modell zur Ausbreitung von Krankheitserregern aus Kapitel 8. Zwar ist der Mechanismus der “Ansteckung” ein anderer, aber auch Ideen und Innovationen verbreiten sich - genau wie Viren und Bakterien - von Mensch zu Mensch im sozialen Netzwerk. Deswegen sind die dichteren urbanen Netzwerke gut für die Innovationsfähigkeit von Städten (vgl. Kapitel 1 und Kapitel 3). Es gibt sogar auch so etwas wie “Immunität” gegenüber neuen Produkten, Praktiken oder Ideen – nicht durch eine Impfung, aber zum Beispiel durch Wertvorstellungen, die dazu führen dass bestimmte Milieus sich bestimmten Innovationen verweigern. Wir kommen darauf im letzten Kapitel des Kurses zurück.
Hier nur so viel: nicht jede Innovation verbreitet sich automatisch in jedem sozialen Netzwerk. Da es auch viele dumme neue Ideen oder Produkte gibt, ist das vielleicht sogar ganz gut …
Der Diffusionsprozess im sozialen Netzwerk produziert die typischen S-Kurven, die in zahlreichen empirischen Studien gefunden wurden und welche den typischen Verlauf der Durchdringung eines sozialen Systems mit einem neuen Produkt, einer neuen Idee, einer neuen Praktik oder noch grundlegender von Information und Wissen beschreiben.
Die S-Kurve der Adoption von Innovationen (nach Rogers, 2003).
Zunächst passiert relativ wenig, weil nur wenige Personen im Netzwerk der Innovation begegnen und diese folglich auch nur an wenige Andere weitergeben. Ab einem gewissen Punkt (Take-Off) verselbständigt sich aber der Prozess, weil immer mehr Personen an immer mehr Andere mit der Innovation konfrontieren. Die Ausbreitung verläuft jetzt sehr viel schneller, tatsächlich ähnlich wie es während der verschiedenen Krankheitswellen während der Corona-Pandemie der Fall war (vgl. Kapitel 8). Am Ende flacht die Kurve wieder ab, weil nur noch wenige Einzelne übrigbleiben, die sozial nicht gut vernetzt sind oder die Innovation nachhaltig ablehnen. Vielleicht kennst Du Menschen, die aus Überzeugung immer noch kein Smartphone haben, obwohl diese längst weit verbreitet sind … ?
Entscheidungsprozesse
Bedingungen für die Innovationsausbreitung
In seinem langen Forschungsprogramm hat Rogers (2003) fünf Eigenschaften von Innovationen identifiziert, welche die Wahrscheinlichkeit ihrer Ausbreitung beeinflussen:
Relativer Vorteil: ein schnelleres oder schöneres Auto wird tendenziell eher akzeptiert als eines, das mit grünem Stahl produziert wurde, was man nicht merkt – es kommt nämlich auf die Wahrnehmung seitens der Anwender*innen an.
Kompatibilität: Innovationen, die mit bestehenden Werten, Erfahrungen oder Praktiken kompatibel sind, verbreiten sich leichter.
Komplexität: Innovationen, die schwierig verständlich oder umständlich anwendbar sind, haben es schwer, wie z.B. Carsharing bevor es Smartphones gab
Kann man die Innovation ausprobieren? Eine neue App verbreitet sich leichter als ein neues Heizungssystem, das den Umbau eines ganzen Mietshauses erfordert.
Sichtbarkeit: Wenn der Nachbar Solarzellen auf das Dach installiert, ist das Nachahmen leichter als wenn er einen CO2-armen Mörtel verbaut hat.
Literatur
Granovetter, M. S. (1973). The strength of weak ties. American Journal of Sociology, 1360-1380.
McPherson, M., Smith-Lovin, L., & Cook, J. M. (2001). Birds of a feather: Homophily in social networks. Annual Review of Sociology, 27, 415-444.
Onnela, J. P. et al. (2007). Structure and tie strengths in mobile communication networks. PNAS, 104, 7332-7336.
Rogers, E.M. (2003). Diffusion of Innovations, 5th edition. Free Press.