Eine Innovation ist nach einer berühmten Definition eine Idee, Praxis oder ein Objekt, das von Individuen oder sozialen Gruppen als neu wahrgenommen wird (Rogers, 2003). Interessant daran ist insbesondere der Aspekt der subjektiven Wahrnehmung, denn viele Innovationen, auch solche die wir in diesem Kurs betrachtet haben, sind bei genauerem Hinsehen gar nicht so neu. Als erstes Auto mit Hybridmotor gilt beispielsweise der Lohner-Porsche, der bei der Weltausstellung in Paris 1900(!) vorgestellt wurde. Auch das Fahrrad, das ebenfalls eine wichtige Rolle bei innovativen urbanen Mobilitätskonzepten spielt (siehe Kapitel 5) ist natürlich alles andere als eine neue Technologie. Eine wichtige Unterscheidung ist die zwischen:
technologischen Innovationen: Technologie kann man als „Orchestrierung natürlicher Phänomene“ zu einem gesellschaftlichen Nutzen auffassen (Arthur, 2009). Bei der Produktion von Stahl oder Zement z.B. setzt man planvoll bestimmte chemische Reaktionen in Gang, die den Nutzen stiften, aus dem entstehenden Material besonders stabile Bauwerke errichten zu können. Bei einer technologischen Innovation wie dem Wasserstoffverfahren in der Stahlproduktion orchestriert man Naturphänomene auf eine neuartige Weise, um den gleichen Nutzen zu erreichen, aber den mit der alten Vorgehensweise verbundenen Schaden zu minimieren. Um auf solche Ideen zu kommen, ist planvolles Ausprobieren in Forschung und Entwicklung nötig.
und sozialen Innovationen, also neue oder veränderte soziale Praktiken, Werte und Organisationsformen, die gesellschaftliche Bedürfnisse anders adressieren und kollektives Handeln oder Zusammenleben transformieren. Ein gutes Beispiel dafür ist die Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe. Im Kontext nachhaltiger Städte gehören dazu auch veränderte Wohnideale und Planungsleitbilder (vgl. Kapitel 6) wie die Abkehr vom Einfamilienhaus hin zu gemeinschaftlich genutzten Wohnformen in der kompakten, fußläufig organisierten 15-Minuten-Stadt (Schröder et al., 2011).
Systeminnovation
Viele urbane Nachhaltigkeitsinnovationen sind komplexe Systeminnovationen, also erfordern Kombinationen verschiedener technologischer und sozialer Innovationen (Geels, 2005). Ein gutes Beispiel ist Carsharing, das zunächst eine Veränderung sozialer Normen und Praktiken ist (verschiedene Autos nutzen statt eines zu besitzen), aber erst so richtig funktioniert, seit-dem technologische Entwicklungen wie Smartphones und mobiles Internet es auf eine nicht allzu komplizierte Weise handhabbar machen (Autosuche, Zugang, Bezahlung etc.).
Eine weitere Unterscheidung ist die zwischen Produktinnovationen, die zu einem veränderten Nutzen für die Konsument*innen führen (z.B. ein neues verbessertes Smartphone) oder gar einen völlig neuen Nutzen schaffen (z.B. Drohnen), und Prozessinnovationen, die für die Nutzer*innen gar nicht spürbar sind. Wer z.B. über eine Stahlbetonbrücke fährt, dem ist es normalerweise egal, ob der Stahl im Koks- oder im Wasserstoffverfahren hergestellt wurde. Die Unterscheidung ist hier deswegen relevant, weil für Produktinnovationen häufig eine Zahlungsbereitschaft der Konsument*innen vorhanden ist, für Prozessinnovationen (um die es bei nachhaltigen Städten meistens geht) in der Regel aber nicht.
Schließlich unterscheiden sich Innovationen darin, wie radikal sie sind:
Inkrementelle Innovationen sind schrittweise Verbesserungen, welche die Funktionsweise eines Produktes oder Prozesses aber nicht grundlegend verändern. Beispiel ist ein Verbrennungsmotor, der von Serie zu Serie effizienter wird und deswegen weniger Emissionen für die gleiche Leistung erzeugt. Solche Innovationen sind gut planbar und im Grunde das Kerngeschäft der Forschungs- und Entwicklungsabteilungen vieler Unternehmen, reichen aber für viele Nachhaltigkeitsprobleme nicht aus.
Disruptive Innovationen bzw. Sprunginnovationen: Das sind im Kontrast dazu völlig neue Herangehensweisen, wie z.B. der Umstieg von tastaturbasierten Smartphones (Blackberry, Nokia) auf Touchscreens (iPhone). Diese sind nicht gut planbar, für Wirtschaftsunternehmen, aber auch andere Organisationen wie öffentliche Verwaltungen (z.B. schleppende Digitalisierung!) sehr schwierig zu managen. Das liegt nicht nur an typischen Unsicherheiten in der Forschung, sondern auch an einem grundlegenden ökonomischen Dilemma, welches wir im nächsten Absatz vertiefen.
Arthur, W.B. (2009). The nature of technology. What it is and how it evolves. Free Press.
Christensen, C. M. (1997). The innovator’s dilemma. When new technologies cause great firms to fail. Harvard Business Review Press.
Geels, F. W. (2005). Technological transitions and systems innovation. Edward Elgar.
Rogers, E.M. (2003). Diffusion of Innovations, 5th edition. Free Press.
Schröder, T., Huck, J., & de Haan, G. (2011). Transfer sozialer Innovationen. Eine zukunftsorientierte Fallstudie zur nachhaltigen Siedlungsentwicklung. Springer VS.