Kurs: Nachhaltige Städte | OnCourse UB

  • Lektion 2

    • Materialverbrauch städtischer Infrastruktur

      Abnahme der Rohstoffintensität

      Der Rohstoffverbrauch pro Kopf in Deutschland liegt seit vielen Jahren stabil bei 15-16t pro Jahr, wobei mineralische Stoffe, die für die gebaute Infrastruktur unserer Siedlungen und Verkehrswege benötigt werden, den größten Teil ausmachen (siehe Grafik).

      Balkendiagramm zeigt konstanten Rohstoffverbrauch pro Kopf in Deutschland nach Kategorien sowie Gesamttrend 2010–2021.
      Balkendiagramm zeigt konstanten Rohstoffverbrauch pro Kopf in Deutschland nach Kategorien sowie Gesamttrend 2010–2021.
      Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an https://www.umweltbundesamt.de/daten/umweltindikatoren/indikator-rohstoffkonsum (16.11.2025)
       

      Einerseits ist das eine gute Nachricht, denn im gleichen Zeitraum ist das Bruttoinlandsprodukt deutlich gewachsen und die Rohstoffproduktivität hat sich in 12 Jahren um 27% verbessert (siehe nächste Grafik).

      Mit anderen Worten

      Es ist unserer Gesellschaft gelungen, zusätzlichen Wohlstand insgesamt vom materiellen Ressourcenverbrauch zu entkoppeln.

      Das liegt zum einen am Reifegrad unserer Infrastruktur: Die Städte sind im Wesentlichen fertig gebaut - das sieht anderswo auf der Welt ganz anders aus, siehe der folgende Absatz! Zum anderen sorgt die Digitalisierung für eine Entkopplung von Wertschöpfung und Materialverbrauch, was Du leicht nachvollziehen kannst, wenn Du daran denkst, dass ein Smartphone oder Tablet mit wenigen hundert Gramm Masse heute Stereoanlagen, Fernseher, Fotoapparate, CD- und Schallplattensammlungen und manch-mal ganze Bibliotheken ersetzt.

      Liniendiagramm zeigt: BIP steigt, Rohstoffproduktivität wächst stark, Primärrohstoffeinsatz sinkt seit 2010 leicht.
      Liniendiagramm zeigt: BIP steigt, Rohstoffproduktivität wächst stark, Primärrohstoffeinsatz sinkt seit 2010 leicht.
      Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an https://www.umweltbundesamt.de/daten/umweltindikatoren/indikator-gesamtrohstoffproduktivitaet (16.11.2025)
       

      Andererseits ist auch hier der Rebound-Effekt zu beobachten, den wir im Zusammenhang mit Mobilität kennen gelernt haben (siehe Kapitel 5): Effizienzgewinne führen nicht zu einem Rückgang des Ressourcenverbrauchs, sondern werden in mehr Konsum überführt. Aktuelle politische Debatten (Stand: 2025) zum Wohnungsbau (vgl. Kapitel 6) und zur mit massiver Schuldenaufnahme finanzierten Sanierung und zum Ausbau öffentlicher Infrastruktur lassen zudem vermuten, dass in den kommenden Jahren eher noch eine Ausweitung des Ressourcenverbrauchs zu erwarten ist.

      In der 2024 von der Bundesregierung verabschiedeten Nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie wurde das Ziel festgelegt, bis 2050 den Primärrohstoffverbrauch durch zirkuläres Wirtschaften zu halbieren, um zu einem nachhaltigeren Umgang mit Rohstoffen zu kommen und außerdem die Abhängigkeit Deutschlands von Importen zu verringern. Bisher wird nur 13% des benötigten Rohstoffeinsatzes aus Recycling gewonnen und ein Trend in Richtung des nicht nur produktiveren, sondern auch absolut geringeren Verbrauchs ist nicht erkennbar.

    • Baustoffe

      Wie wir in diesem Kurs vielfach festgestellt haben, ist global gesehen die Stadtentwicklung von der raschen Urbanisierung in Asien und zukünftig auch vermehrt Afrika dominiert, wo insofern Entwicklungen nachvollzogen werden, die in Europa und Amerika schon vor 100 bis 200 Jahren stattfanden. Das ist gut für die wirtschaftliche Entwicklung dieser Erdteile (siehe Kapitel 7), bedeutet aber einen enormen materiellen Ressourcenkonsum bei Baustoffen. Vielfach zitiert wird in der Literatur (z.B. Gates, 2021; WBGU, 2016) der Umstand, dass alleine China im ersten Viertel des 21. Jahrhundert schon fünf bis sechs Mal so viel Beton verbaut hat wie die USA im gesamten 20. Jahrhundert.

      Graue Energie

      Damit wird - in Abgrenzung von der Betriebsenergie für elektrischen Strom, Wärme und Kühlung - der Energiebedarf für die Errichtung eines Gebäudes bezeichnet.

      Ohne Stahlbeton wäre die rapide Urbanisierung Asiens der letzten Jahrzehnte nicht denkbar gewesen. Bei der Produktion von Stahl und von Zement fallen aber erhebliche Mengen an CO2-Emissionen an, derzeit ca. 6% der gesamten globalen Emissionen mit erheblich steigender Tendenz (Li et al., 2025 - siehe auch die folgende Grafik). Das liegt zum einen am großen Energieeinsatz bei der Herstellung dieser Materialien, könnte also prinzipiell bei einer fortgeschrittenen Dekarbonisierung der Energieerzeugung (vgl. Kapitel 4) beherrschbar werden. Ein größeres Problem, weil bisher weitgehend technisch und wirtschaftlich ungelöst (vgl. Gates, 2021; WBGU, 2016), sind die CO2-Emissionen, die aufgrund chemischer Prozesse bei der Herstellung von Stahl und Zement entstehen und selbst dann anfallen würden, wenn die dafür nötige Energie vollständig aus Wind, Sonne oder Wasserkraft gewonnen worden wäre.

      Diagramm vergleicht Pro-Kopf-Emissionen von Baustoffen zwischen Annex-I- und Nicht-Annex-Ländern sowie globalem Mittelwert
      Diagramm vergleicht Pro-Kopf-Emissionen von Baustoffen zwischen Annex-I- und Nicht-Annex-Ländern sowie globalem Mittelwert
      Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an WBGU (2016, S. 189, Abb. 4.4-1)
       

      Hinweis

      Annex-I-Länder sind nach der UN-Klimarahmenkonvention von 1992 die klassischen westlichen Industrieländer, Japan und die osteuropäischen Transformationsländer, die bis zum Ende des 20. Jahrhunderts die meisten Emissionen verursacht hatten. China gehört nicht zu dieser Kategorie, da es 1992 noch als Entwicklungsland angesehen wurde, obwohl es mittlerweile auch historisch der zweitgrößte CO2-Emittent ist nach den USA, aber noch vor der Europäischen Union. Bei Baustoffen ist China sogar der historisch größte Emittent.

      Die Entwicklung nachhaltiger Baustoffe erfordert beträchtliche Anstrengungen an Forschung und Innovation. Anders als bei der Dekarbonisierung der Stromversorgung (s. Kapitel 4) gibt es noch keine klaren Lösungspfade, verschiedene Optionen bieten sich aber (WBGU, 2016):

    • Literatur

      Gates, B. (2021). How to avoid a climate disaster. The solutions we have and the breakthroughs we need. Allen Lane.

      Li, C., Pradhan, P., Chen, G. et al. (2025). Carbon footprint of the construction sector is projected to double by 2050 globally. Communications Earth and Environment, 6, 831. https://doi.org/10.1038/s43247-025-02840-x

      WBGU (2016). Der Umzug der Menschheit. Die transformative Kraft der Städte. Hauptgut-achten 2016. Wissenschaftlicher Beirat Globale Umweltveränderungen der Bundesregierung. Verfügbar unter wbgu.de