Buch: Perspektiven der Gerechtigkeit
| Website: | OnCourse Universität Bremen |
| Kurs: | KI und Nachhaltigkeit |
| Buch: | Buch: Perspektiven der Gerechtigkeit |
| Gedruckt von: | Gast |
| Datum: | Mittwoch, 14. Oktober 2026, 03:49 |
1. Environmental Justice
Environmental Justice setzt beim Zusammenhang von Umweltbelastungen und sozialer Ungleichheit an. Bereits in klassischen Studien wurde gezeigt, dass marginalisierte Gruppen – in den USA etwa People of Color und einkommensarme Communities – überproportional häufig in der Nähe von Deponien, Industrieanlagen oder toxischen Standorten leben (Mohai et al. 2009).
Übertragen auf KI bedeutet das: Die Orte, an denen Rohstoffe abgebaut oder Elektroschrott entsorgt wird, sind meist Regionen mit geringer politischer Durchsetzungskraft und hoher sozialer Verletzlichkeit. Die Frage der Umweltgerechtigkeit dreht sich dabei nicht nur um die Verteilung von Lasten und Nutzen, sondern auch um Verfahren: Wer verfügt über Informationen, wer kann an Genehmigungsprozessen teilnehmen, wer kann klagen? Und sie betrifft Anerkennung: Wessen Perspektiven werden ernst genommen, wessen Erfahrungswissen findet Eingang in politische Entscheidungen?
2. Climate Justice
Climate Justice nimmt eine noch breitere Perspektive ein. Sie verknüpft Klimaauswirkungen mit Fragen historischer Verantwortung und globaler Gerechtigkeit. Schlosberg und Collins (2014) betonen, dass Klimagerechtigkeit nicht nur aus Verteilungsfragen, sondern auch prozeduralen und epistemischen (wissensbezogenen) Fragen gedacht werden muss: Es geht darum, wer die Hauptverursacher globaler Emissionen sind, wer am meisten unter Dürren, Überschwemmungen oder Ernteausfällen leidet, und wer in Klimaverhandlungen überhaupt mit am Tisch sitzt.
Im KI-Kontext stellt sich etwa die Frage: Wenn der Betrieb und Aufbau digitaler Infrastrukturen zusätzliche Emissionen erzeugt, wie ist das zu rechtfertigen gegenüber Regionen, die schon heute stark von Klimafolgen betroffen sind und die selbst nur geringe Emissionen verursachen? Und welche Verantwortung haben Unternehmen, deren KI-Angebote auf besonders energie- und wasserintensiven Rechenzentren beruhen?
Climate Justice umfasst drei zentrale Dimensionen, distributional, procedural und recognitional justice, die gemeinsam analysieren, wie Klimafolgen, Verantwortlichkeiten und Entscheidungsprozesse gerecht gestaltet werden können. Jede Dimension führt zu unterschiedlichen, aber miteinander verwobenen Leitfragen.
2.1. Distributional Justice
Distributional Justice befasst sich damit, wie Klima-Lasten und Klima-Nutzen global verteilt sind. Sie fragt:
- Wer verursacht Emissionen – und wer leidet am stärksten unter den Folgen?
- Wie werden Ressourcen wie Energie, Wasser oder Land genutzt und verteilt?
- Welche Gruppen tragen unverhältnismäßig hohe Belastungen, z. B. durch Dürren, Fluten oder Umweltverschmutzung?
Im Kontext von KI bedeutet das etwa:
Wer profitiert vom technologischen Fortschritt – und wer trägt die ökologischen Kosten (Rohstoffabbau, Wasserverbrauch, E-Waste)?
2.2. Procedural Justice
Procedural Justice bewertet die Fairness von Entscheidungsprozessen. Leitfragen sind:
- Wer darf über Klima-, Energie- oder Technologiepolitik mitentscheiden?
- Wie transparent sind Entscheidungswege?
- Haben betroffene Gemeinschaften – besonders marginalisierte – Zugang zu Wissen, Rechten und Beteiligung?
Im Kontext von KI bedeutet das etwa:
Werden Communities an Rechenzentrumsstandorten oder in Rohstoffregionen einbezogen?
2.3. Recognitional Justice
Recognitional Justice richtet den Blick darauf, wessen Erfahrungen, Identitäten und Wissensformen anerkannt werden. Fragen sind:
- Werden indigene, lokale, informelle oder kulturell spezifische Perspektiven berücksichtigt?
- Welche Gruppen oder Ökosysteme bleiben „unsichtbar“?
Im Kontext von KI bedeutet das etwa:
Wird das Wissen über lokale Umweltbeziehungen anerkannt, oder ignoriert?
2.4. Soziale Differenzierung
Soziale Differenzierung (Social Differentiation) beschreibt in diesem Zusammenhang die Vielfalt sozialer Merkmale innerhalb einer Gesellschaft, die dazu führt, dass Menschen sehr unterschiedlich von Klimawandel und Umweltveränderungen betroffen sind. Unterschiede in Einkommen, Klasse, Ethnie oder Kaste, Geschlecht, sozialem Status oder räumlicher Lage prägen maßgeblich, wie vulnerabel bestimmte Gruppen sind und welche Ressourcen ihnen zur Anpassung zur Verfügung stehen.
Beispiel
Während privilegierte Gruppen häufig besseren Zugang zu Infrastruktur, politischem Einfluss oder ökonomischer Sicherheit haben, sind marginalisierte Bevölkerungsgruppen stärker von Klimarisiken wie Wasserknappheit, Überschwemmungen oder Versorgungsengpässen betroffen.
Diese Unterschiede spiegeln sich auch in der Governance wider: In vielen Entscheidungsprozessen dominieren jene Gruppen, die bereits Macht und Ressourcen besitzen, während die Stimmen benachteiligter Gemeinschaften, etwa
- Frauen,
- informelle Arbeiterinnen,
- Minderheiten oder
- Bewohnerinnen peripherer Stadtteile,
kaum Gehör finden. Dadurch werden ihre Bedürfnisse und ihr lokales Wissen nicht ausreichend anerkannt oder berücksichtigt. Im Rahmen der Klimagerechtigkeit macht der Begriff der sozialen Differenzierung deutlich, dass Klimafolgen und Anpassungsmaßnahmen niemals „neutral“ sind, sondern bestehende soziale Ungleichheiten verstärken oder abmildern können.
Wichtig
Gerechtigkeit erfordert daher, diese Unterschiede systematisch mitzudenken und besonders verletzliche Gruppen aktiv in Planung, Entscheidungen und Ressourcenverteilung einzubeziehen.
2.5. Zusammenfassung
In der folgenden Hotspot-Grafik bekommt ihr nochmal einen Überblick über die vorgestellten Perspektiven und Aspekte von Climate Justice.
--- h5p Hotspot ---
3. Multispecies Justice
Multispecies Justice geht noch einen Schritt weiter und kritisiert, dass viele Gerechtigkeitskonzepte selbstverständlich vom Menschen als einzigem relevanten Subjekt ausgehen. Multispecies Justice ist ein gerechtigkeitstheoretischer Ansatz, der die moralische und politische Gemeinschaft über den Menschen hinaus erweitert. Anders als klassische Gerechtigkeitsperspektiven, die sich auf Verteilung, Teilhabe oder Anerkennung zwischen Menschen konzentrieren, betrachtet Multispecies Justice
- alle Lebewesen sowie ökologische Systeme als Träger von Interessen,
- Vulnerabilität und
- relationalen Abhängigkeiten.
Der Ansatz geht davon aus, dass das Wohlergehen menschlicher Gemeinschaften untrennbar mit dem Wohlergehen anderer Arten, Landschaften und ökologischer Prozesse verbunden ist.
Multispecies Justice kritisiert die Dominanz anthropozentrischer Weltbilder, die Natur vor allem als Ressource für menschliche Zwecke verstehen. Stattdessen betont sie, dass Tiere, Pflanzen, Flüsse, Böden oder ganze Ökosysteme nicht nur „Umwelt“ sind, sondern aktive Mitgestalter des Lebens auf der Erde. Gerechtigkeit bedeutet daher, ihre Bedürfnisse, Lebensweisen und Verletzlichkeit in Entscheidungen einzubeziehen.
Der Ansatz wird besonders relevant in Kontexten, in denen industrielle Aktivitäten, bspw. Rohstoffabbau, Wasserentnahme oder Infrastrukturprojekte, nicht nur menschliche Gemeinschaften, sondern auch die ökologische Integrität ganzer Lebensräume bedrohen.
In der Anwendung auf KI-Infrastrukturen zeigt Multispecies Justice, ...
... dass Eingriffe in Wasserhaushalte, Energie- oder Rohstoffsysteme immer auch Auswirkungen auf nicht-menschliche Arten haben. Multispecies Justice fordert deshalb politische und technologische Entscheidungen, die ökologische Beziehungen schützen, Schäden begrenzen und mehr-als-menschliche Akteure ernst nehmen, als Mitbewohner einer gemeinsamen, verwobenen Welt.