Lerninhalt zur urbanen Nachhaltigkeit
| Website: | OnCourse Universität Bremen |
| Kurs: | Nachhaltige Städte |
| Buch: | Lerninhalt zur urbanen Nachhaltigkeit |
| Gedruckt von: | Gast |
| Datum: | Sonntag, 24. Mai 2026, 13:54 |
1. Die nachhaltige Stadt aus der Ressourcensicht
Das Mars-Beispiel aus der vorherigen Lektion ist extrem, aber alle Städte stehen vor der Herausforderung, die Ressourcen zu organisieren, die für das städtische Leben notwendig sind. Die ressourcenökonomische Perspektive auf Nachhaltigkeit (vgl. Müller-Christ, 2020) ist schon sehr alt und geht auf die Forstwirtschaft zurück und die Mahnung, zur Gewinnung von Holz nicht mehr Bäume zu schlagen als langfristig nachwachsen (Carlowitz, 1713).
Heutige Städte brauchen natürlich mehr und andere Ressourcen als Holz, auch wenn die Bedeutung dieses ökologisch verträglichen Baustoffes tatsächlich wieder zunimmt. Dennoch kann man diese Grundidee von Nachhaltigkeit auf vieles anwenden. Beim Klimawandel beteht das Problem zum Beispiel darin, dass der Erdatmosphäre mehr CO2 zugeführt wird als sie absorbieren kann. (Hier ist also die „Ressource“ die Absorptionsfähigkeit.)
Von Bedeutung ist hier das Konzept der planetaren Leitplanken (Steffen et al., 2015). Die Gewinnung und Umwandlung natürlicher Ressourcen für die Deckung der menschlichen Bedarfe in einer urbanisierten Gesellschaft führt dazu, dass viele ökologische Prozesse im Erdsystem aus dem Gleichgewicht geraten, also ihre natürliche Regenerationsfähigkeit verlieren. Aus dieser Perspektive erfordert urbane Nachhaltigkeit, unsere Städte in Zukunft so zu gestalten, dass ihr Ressourcenverbrauch die Belastung der ökologischen Systeme minimiert.
Zum Beispiel ...
... sollte der immense Energiebedarf des städtischen Lebens aus erneuerbaren Energien gedeckt werden, Rohstoffe wie z.B. Baumaterial zunehmend aus recycelten Abfällen gewonnen statt der Erdkruste entnommen zu werden.
2. Die Stadt als “Superorganismus”
Aus naturwissenschaftlichen Systemtheorie stammt die Idee, ein sozial-kulturelles Gebilde wie eine Stadt nach ähnlichen Prinzipien zu betrachten wie ein Lebewesen (vgl. Capra & Luisi, 2014).
Definition
Lebewesen sind so genannte offene komplexe Systeme, die ihre innere Struktur und Ordnung nur dadurch aufrecht erhalten können, dass sie aus ihrer Umwelt Energie in Form von Nahrung zuführen und innere Unordnung an die Umwelt abgeben in Form von Ausscheidungen (Schrödinger, 1944).
In ähnlicher Weise lassen sich die Beziehungen zwischen einer Stadt und ihrer Umwelt beschreiben: Sie führt Energie und andere Ressourcen aus der Umwelt zu und schafft damit eine höhere innere Komplexität und Ordnung als es in der natürlichen Lebensumgebung von Menschen der Fall ist. Unter der Metapher des “Urbanen Metabolismus” (WBGU, 2016, S. 71) werden nach dieser Logik die Stoff- und Energieströme von Städten untersucht.
3. Die nachhaltige Stadt aus der Gerechtigkeitssicht
Urbanisierung hat die Welt reicher (vgl. Lektion 1.3), aber auch erheblich ungleicher gemacht, weil nicht alle Menschen vom wirtschaftlichen Fortschritt gleichermaßen und gleich schnell profitieren. Es bestehen erhebliche Diskrepanzen zwischen den Lebenschancen einerseits zwischen urbanisierten und ländlichen Räumen auf der Welt, aber auch in sehr hohem Maße innerhalb der Städte. Wir werden dieses Thema in Kapitel 7 vertiefen.
Eine andere, eher sozialwissenschaftlich geprägte Sichtweise auf urbane Nachhaltigkeit leitet sich daher aus Gerechtigkeitsüberlegungen ab.
Frage
Wie vermeidet man es, dass ein Teil der Menschheit die enormen wirtschaftlichen Vorteile der Urbanisierung genießen kann, während andere - heute und zukünftig geborene Generationen - die ökologischen Folgen tragen müssen?
Muss man nicht allen Menschen, egal wo geboren, ein Recht auf Migration in die Städte zugestehen, wo oftmals bessere Lebenschancen zur Verfügung stehen? Wie geht man mit höchst ungleichen Verteilungen von Einkommen und Teilhabechancen von Menschen innerhalb derselben Stadt um?
Auch solche und viele ähnliche Fragen, die letztlich aus dem normativen Prinzip der Gleichwertigkeit aller Menschen herrühren, spielen im Diskurs um nachhaltige Städte eine große Rolle.
4. Generationengerechtigkeit
Ein Meilenstein in der Nachhaltigkeitsdebatte ist der so genannte Brundtlandt-Bericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung (1987). Demzufolge ist “nachhaltig” eine
Zitat
“Entwicklung, welche den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und ihren Lebensstil zu wählen.”
Über dieses Konzept der Generationengerechtigkeit lässt sich auch die Brücke zur Ressourcenperspektive schlagen, denn es wäre ungerecht, in den heutigen Städten schon alle Ressourcen zu verbrauchen, die auch künftige Generationen benötigen.
5. Drei Dimensionen der Nachhaltigkeit
Das verbreitete drei-dimensionale Modell der Nachhaltigkeit versucht, den vielen Aspekten des Begriffs Rechnung zu tragen:
Die drei Dimensionen
- Ökologische Nachhaltigkeit bezieht sich vor allem auf den Verbrauch natürlicher Ressourcen und die Notwendigkeit, die planetaren Leitplanken zu betrachten.
- Ökonomische Nachhaltigkeit betont das Recht aller Menschen auf wirtschaftliche Prosperität zur Befriedigung ihrer materiellen Bedürfnisse.
- Soziale Nachhaltigkeit bezieht sich auf eine gerechte Gesellschaft mit gleichen Teilhabechancen für alle.
Die eine nachhaltige Stadt gibt es nicht, denn die drei Dimensionen verweisen auf häufige Zielkonflikte. Ein neues Kohlekraftwerk kann einer Stadt des Globalen Südens erstmals eine stabile Energieversorgung sichern, die für viele Menschen die Basis wirtschaftlicher Aktivität darstellen kann, auf der anderen Seite aber das Problem des Klimawandels verschärfen. Eine CO2-Besteuerung in Europa kann die ökologische Transformation der Wirtschaft beschleunigen, stellt aber Menschen mit geringem Einkommen vor Probleme, sich Mobilität und eine warm beheizte Wohnung zu leisten. Nur zwei Beispiele von vielen, die zeigen, dass es in der Praxis ein schwieriger und konflikthafter Aushandlungsprozess ist, Städte nachhaltig zu machen.
Verschiedene Darstellungsvarianten der drei Nachhaltigkeitsdimensionen: Das drei-Säulen-Modell (links) betont die Gleichwertigkeit von ökologischer, sozialer und wirtschaftlicher Nachhaltigkeit. Nach dem Vorrangmodell (Mitte) ist wirtschaftliche Nachhaltigkeit nur möglich in einer sozial nachhaltigen Gesellschaft, die es wiederum nur unter intakten ökologischen Bedingungen geben kann. Das Nachhaltigkeitsdreieck wiederum (rechts) betont die Zielkonflikte, die häufig zwischen den drei Facetten der Nachhaltigkeit bestehen.
6. Zusammenfassung: Die nachhaltige Stadt
Es gibt also nicht „die“ nachhaltige Stadt. In einem weiteren Sinn hat urbane Nachhaltigkeit immer etwas mit der dauerhaften Verfügbarmachung von Ressourcen für die Stadt zu tun und ebenso mit der Gerechtigkeitsfrage, in welchem Maße alle Menschen heute und in Zukunft gleichermaßen von den Früchten der Urbanisierung profitieren können. Dabei entstehen regelmäßig Zielkonflikte zwischen ökologischen, ökonomischen und sozialen Nachhaltigkeitsaspekten, die der (in der Regel konfliktreichen) politischen Aushandlung bedürfen.
Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) kondensiert in seinem Urbanisierungsgutachten (WBGU, 2016, vgl. Lektion 1.1) den Nachhaltigkeitsdiskurs in seinem „normativen Kompass“ für die Stadtentwicklung (siehe Abbildung unten). Dieser Kompass soll für Wissenschaft und nationale wie kommunale Politik eine Orientierung bieten, um mit geeigneten Maßnahmen die globale Urbanisierungsdynamik des 21. Jahrhunderts auf das Ziel der nachhaltigen Entwicklung auszurichten.
Normativer Kompass für die Transformation von Städten (WBGU, 2016): Alle Städte sollen Entwicklungspfade einschlagen, die den Erhalt natürlicher Lebensgrundlagen sicherstellen (N), ihren Bewohner*innen gleichberechtigte Teilhabe (T) an materiellen Ressourcen, Infrastruktur und politischen Entscheidungen ermöglichen, und dabei die Eigenart (E) der Städte berücksichtigen hinsichtlich ihrer Geschichte, Kultur und Identität. Es gibt keine Blaupause für urbane Nachhaltigkeit, sondern sie muss konkret vor Ort ausgehandelt werden.