Politische und gesellschaftliche Handlungsoptionen
3. Demokratisieren: digitale Souveränität, Vergesellschaftung, Commons
3.1. Digitale Commons
Damit ist bereits eine erste konstruktive These formuliert: Zukunftsfähige KI braucht nicht nur ethische Leitlinien, sondern andere Eigentums- und Governance-Formen. Hier setzt die Debatte um digitale Commons an. Digitale Commons sind gemeinsam entwickelte und verwaltete digitale Ressourcen: freie Software, offene Wissensbestände, gemeinsam gepflegte Dateninfrastrukturen oder föderierte Plattformen. Eine Studie von Open Future beschreibt digitale Commons als Systeme, die nicht von Einzelunternehmen kontrolliert werden, sondern durch Gemeinschaften entstehen, die über Regeln, Zugang, Weiterentwicklung und Nutzung kollektiv entscheiden (Open Future, 2024). Beispiele reichen von Wikipedia über freie Software bis zu spezialisierten Infrastrukturen wie scikit-learn, Decidim oder öffentlichen Open-Source-Bausteinen. Der Punkt ist nicht, dass Commons automatisch gut funktionieren. Sie haben Probleme: Unterfinanzierung, Abhängigkeit von Freiwilligenarbeit, ungleiche Beteiligung, Gefahr der Vereinnahmung durch Unternehmen. Aber sie zeigen, dass digitale Infrastruktur nicht zwingend exklusiv, proprietär und renditegetrieben organisiert sein muss.
An dieser Stelle lässt sich gut eine Brücke zu Plattformsozialismus und Plattformgenossenschaften schlagen. Plattformgenossenschaften versuchen, digitale Plattformen in die Hände jener zu legen, die auf ihnen arbeiten oder sie nutzen. Trebor Scholz hat diesen Ansatz als Gegenentwurf zur sogenannten Sharing Economy formuliert: Warum sollten bei Fahrdiensten, Lieferdiensten, Reinigungsplattformen, Musikstreaming oder kreativen Marktplätzen Investor:innen die Hauptprofiteure sein, wenn Arbeiter:innen, Nutzer:innen und lokale Communities die eigentliche Wertschöpfung tragen (Scholz, 2016)? Statt Uber ohne Uber-Fahrer:innen zu denken, fragt Plattformkooperativismus: Was wäre, wenn Fahrer:innen, Pflegearbeiter:innen, Musiker:innen, Fotograf:innen oder Haushaltsarbeiter:innen ihre Plattformen selbst besitzen und demokratisch steuern? Diese Frage eignet sich didaktisch sehr gut, weil sie die scheinbare Natürlichkeit heutiger Plattformen aufbricht. Eine App ist nicht automatisch kapitalistisch; kapitalistisch ist das Eigentums-, Finanzierungs- und Kontrollmodell, in das sie eingebettet ist.
Konkrete Beispiele machen diesen Punkt greifbar:
- Up & Go in New York ist eine worker-owned Plattform für Haushaltsdienstleistungen, bei der ein deutlich größerer Anteil der Kundenzahlungen bei den Arbeiter:innen verbleibt als bei typischen Vermittlungsplattformen,
- Stocksy organisiert Stockfotografie genossenschaftlich,
- Resonate versucht Musikstreaming anders zu denken,
- Social.coop betreibt eine Mastodon-Instanz als Genossenschaft und
- Meet.coop bietet Videokonferenzen auf kooperativer Basis an.
Diese Beispiele sind klein im Vergleich zu Google, Meta, Amazon oder Spotify. Genau darin liegt aber auch eine wichtige Lektion: Alternativen müssen nicht sofort dieselbe globale Skalierung erreichen, um politisch relevant zu sein. Sie können lokale oder sektorale Räume schaffen, in denen andere Regeln gelten: transparente Finanzen, demokratische Abstimmungen, Datenschutz, faire Vergütung, keine manipulative Werbung, keine endlose Wachstumslogik. Das Platform Cooperativism Consortium betont allerdings auch die Grenzen: Plattformgenossenschaften kämpfen mit Finanzierung, Sichtbarkeit, Skaleneffekten und Infrastrukturabhängigkeiten. Deshalb brauchen sie nicht nur engagierte Gründer:innen, sondern öffentliche Förderung, faire Beschaffungspolitik, offene Standards und Verbünde gemeinsamer Infrastruktur.
Diese Fragen führen zur vielleicht wichtigsten Pointe des Kapitels: Zukunftsfähige KI heißt nicht maximale KI. Der dominante Diskurs setzt Zukunft häufig mit Skalierung gleich: größere Modelle, mehr Daten, mehr Rechenleistung, mehr Automatisierung, mehr Integration in Alltag, Arbeit und Verwaltung.
Eine demokratische, commons-basierte, feministische, konviviale und degrowth-orientierte Perspektive dreht diese Logik um. Sie fragt zuerst nach gesellschaftlichen Zwecken und Grenzen.
- Welche Probleme wollen wir lösen?
- Welche Mittel sind angemessen?
- Welche Schäden nehmen wir nicht in Kauf?
- Welche Gruppen müssen mitentscheiden?
- Welche Infrastrukturen gehören in öffentliche oder gemeinschaftliche Hand?
- Und welche Technologien widersprechen so grundlegend einer sozial und ökologisch gerechten Zukunft, dass sie nicht verbessert, sondern verhindert werden sollten?