Politische und gesellschaftliche Handlungsoptionen
2. Gemeinwohlorientierung, Suffizienz, Rechenzentrenpolitik, öffentliche Infrastruktur
Damit kommen wir zur Frage des „Anders Bauens“. Feministische und designkritische Ansätze zeigen, dass Technik nicht erst bei der Nutzung politisch wird, sondern schon in der Problemdefinition, im Datensatz, im Interface, in der Zielgruppe und in der Frage, wessen Erfahrungen als relevant gelten. Sasha Costanza-Chock formuliert mit Design Justice einen Ansatz, bei dem marginalisierte Communities nicht bloß konsultiert, sondern zu führenden Akteur:innen im Designprozess werden (Costanza-Chock, 2020).
Design Justice kritisiert universalistische Technikgestaltung: Systeme werden oft für einen angeblich allgemeinen Menschen entworfen, der in Wirklichkeit häufig weiß, männlich, wohlhabend, körperlich normiert und institutionell abgesichert gedacht ist.
Für KI ist das zentral:
- Gesichtserkennung,
- Kreditbewertung,
- Übersetzungssysteme,
- automatisierte Bewerbungsverfahren oder
- medizinische Diagnostik
können bestehende Ungleichheiten reproduzieren, wenn die betroffenen Gruppen nicht an Zielsetzung, Datenauswahl, Testverfahren und Governance beteiligt sind.
Ein Beispiel für die Vorlesung
Statt zu fragen, ob ein Überwachungssystem „fairer“ erkennen kann, wer sich „auffällig“ verhält, müsste eine design-justice-orientierte Perspektive fragen, warum dieses System überhaupt gebaut wird, welche Gruppen dadurch gefährdet werden und welche nicht-technischen Alternativen es gibt.
Ähnlich wichtig ist Data Feminism von Catherine D’Ignazio und Lauren Klein (D’Ignazio & Klein, 2020). Ihr Ansatz beginnt mit der Einsicht, dass Daten nie neutral sind. Sie entstehen in Institutionen, Machtverhältnissen, Kategorien und politischen Interessen. Data Feminism fragt deshalb nicht nur, ob Daten korrekt sind, sondern wer gezählt wird, wer nicht gezählt wird, welche Kategorien verwendet werden, wer Zugang zu Daten hat und wer von datenbasierten Entscheidungen betroffen ist. Für eine konstruktive KI-Zukunft ist das entscheidend: Gute KI bedeutet nicht einfach „mehr Daten“, sondern bessere, gerechtere und manchmal auch weniger Datenerhebung. In manchen Situationen kann die gerechteste Datenpolitik darin bestehen, bestimmte Daten gar nicht erst zu sammeln, etwa wenn vulnerable Gruppen durch Datenspeicherung stärker überwachbar oder angreifbar werden. Diese Perspektive zeigt: Feministische Technikpolitik ist nicht ein Zusatzkapitel zu KI-Ethik, sondern eine grundlegende Kritik daran, wer Zukunft entwerfen darf.
Die nächste Verschiebung betrifft konviviale Technik. Der Begriff geht auf Ivan Illich zurück und wurde in Degrowth-Debatten weiterentwickelt. Konviviale Technik meint Werkzeuge, die Menschen befähigen, statt sie abhängig zu machen; die verständlich, reparierbar, zugänglich, begrenzbar und sozial eingebettet sind (Illich, 1973; Vetter, 2018).